TELEPOLIS01.11.2004Später Sieg über die Militärs

Peter Nowak

Uruguays Linke siegt ihrem Kandidaten Tabaré Vázquez bei der
Präsidentenwahl und bestätigt einen Trend in Lateinamerika
Linke vor historischem Sieg schreiben [1] Medien unison über die
Wahlergebnisse in einem Land, das eigentlich wenig Schlagzeilen macht.
In Uruguay hat Tabare Vázquez, der Kandidat der Frente Amplio [2],
eines Bündnisses sämtlicher linken [3] Kräfte des Landes, gleich im
ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht [4]. Das ist in ganz
Lateinamerika ein seltenes Ergebnis. Meistens kommt dort zunächst kein
Präsidentschaftskandidat über 50 % und eine Stichwahl wird nötig.
Andererseits liegt das Wahlergebnis durchaus im lateinamerikanischen
Trend. Mit dem brasilianischen Präsidenten Lula von der Arbeitspartei
und dem Linksperonisten Kirchner aus Argentinien hat Vázquez
Amtskollegen in der Nachbarschaft, auf die er sich bei seinen im Voraus
erklärten Bemühungen stützen kann, mit dem Mercosur ein stärkeres
lateinamerikanisches Gegengewicht [5] gegen die übermächtige USA zu
erreichen. Den Trend bestätigt auch der Wahlsieg von Chavez in
Venezuela ( Hugo Chávez Frías bleibt Präsident Venezuelas [6]).
Das von den USA favorisierte Projekt ALCA [7], ein gemeinsamer
amerikanischer Wirtschaftsraum, hat vor allem unter den Gewerkschaften
und Landwirtschaftsorganisationen vieler süd- und mittelamerikanischer
Staaten Proteste ausgelöst. Der Wahlsieg von Vázquez wird auch als
Absage der Wähler an eine neoliberale Wirtschaftspolitik verstanden.
Schon in den letzten Jahren gab es in Uruguay starke
Massenbewegung [8] gegen die Privatisierung der Industrie und der
Naturschätze des Landes. In einer Volksabstimmung Anfang der 90er Jahre
haben sich 72 % der Wahlberechtigten gegen die Privatisierung der
Erdölindustrie ausgesprochen [9].
Die Erwartungen an die neue Regierung sind hoch. So spricht der
bekannte uruguayische Soziologe Eduardo Galeano fast schwärmerisch von
einem neuen Weg, der durch die Linke an der Macht eröffnet [10] werde.
Die Regierungspraxis von Lula und Kirchner zeigt allerdings auch die
Grenzen linker Präsidenten im Zeitalter der Globalisierung, die in
Lateinamerika den Namen ALCA trägt. Gerade in Brasilien hat das
Festhalten der Linksregierung an einer neoliberalen Wirtschaftspolitik
mittlerweile zu deutlichen Irritierungen bei Lulas Basis und zu ersten
Spaltungen bei der Regierungspartei geführt. Von der Effektierung des
Kapitalismus sprechen Teile des uruguayischen Linkbündnis
(
http://www.taz.de/pt/2004/10/29/a0120.nf/text.ges,1).
Von daher dürfte dem rauschenden Volksfest in den Straßen von
Montevideo, an dem sich viele junge Menschen nach Vázquez Wahlsieg
beteiligten, bald die Ernüchterung weichen. Wie stabil die
Regierungskoalition dann sein wird, muss sich noch erweisen. Während
Vázquez einen gemäßigt sozialdemokratischen Kurs vertritt, ist in der
Frente Amplio auch die ehemalige Guerillabewegung Tupamaros, die sich
in den 80er Jahren zu einer legalen Linkspartei transformierte,
präsent.
Durch den Dokumentarfilm Tupamaros [11] wurde die Bewegung auch in
Deutschland noch einmal einen größeren Kreis bekannt. Dort haben
ehemalige Guerillas, die heute Parlamentarier sind, eine eher
ernüchternde Beschreibung des parlamentarischen Spiels geliefert.
Dieser Film spielte [12] in der Endphase des uruguayischen Wahlkampfes
noch einmal eine große Rolle. Die konservativen Colorados zeigten
Szenen aus dem Interviewpassagen des Filmes auf großen Plätzen von
Montevideo, um die Tupamaros weiterhin als verkappte Gewalttäter, die
sich nur taktisch auf den Parlamentarismus berufen, zu denunzieren.
Zunächst sollten die Filmausschnitte sogar im Fernsehen von Uruguay
gezeigt werden. Doch das konnte die in Deutschland lebende
Filmemacherin Heidi Specogna [13] verhindern. Die Konservativen hatten
nämlich gegen das Urheberrecht verstoßen und die Filmaufnahmen ohne
Erlaubnis genutzt.
Das Wahlergebnis zeigt, dass das Feindbild Guerilla zur Zeit in Uruguay
nicht mehr ohne Weiteres zieht. Es dokumentiert aber auch, dass
zumindest die Rechte alte Feindbilder weiter pflegen wird. Das dürfte
sich wiederholen, wenn die Frente Amplio ihre sozialen Wahlversprechen
umsetzen will. Das könnte auch zu Verunsicherungen und Ängsten in der
Bevölkerung führen.Denn obwohl Uruguay immer wieder mit dem Zusatz
"Schweiz Lateinamerikas" erwähnt wird, haben die Einwohner nicht
vergessen, dass in dem Land in den 70er Jahren eine der blutigsten
Militärdiktaturen herrschte und große Teile der demokratischen
Opposition ermordete oder ins Exil trieb. Vor diesem Hintergrund ist
das Wahlergebnis auch ein später Sieg über die Militär.

Links

[1]
http://www.terra.com.ar/canales/internacionales/99/99831.html
[2] http://www.ps.org.uy/FA.htm
[3] http://www.ps.org.uy/
[4] http://www.eluniversal.com/2004/11/01/int_art_01120A.shtml
[5]
http://www.elmundo.es/elmundo/2004/11/01/internacional/1099309060.html
[6] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/18126/1.html
[7] http://www.ila-bonn.de/archiv/260inhalt.htm
[8] http://www.ila-bonn.de/artikel/263fluessiges.htm
[9] http://www.ila-bonn.de/artikel/272plebiszituruguay.htm
[10] http://www.lainsignia.org/2004/octubre/ibe_123.htm
[11] http://www.fernsehworkshop.de/Archiv/1999/filme/tupamaros.htm
[12] http://www.taz.de/pt/2004/10/30/a0185.nf/text
[13]
http://home.t-online.de/home/nor.lin/maxim/archiv/heidi_specogna.html

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