Taz v om 12.7.04Wer sich fügt, lügt
Ein Fest im Friedrichshainer RAW-Tempel ehrte den vor 70 Jahren ermordeten
Dichter Erich Mühsam
"Ich habs mein Lebtag nicht gelernt, mich fremdem Zwang zu fügen. Und ob sie
mich erschlügen: Sich fügen, heißt lügen". Diese Zeilen des anarchistischen
Poeten Erich Mühsam sollten fast prophetische Bedeutung erhalten. Am 10.
Juli 1934 wurde Mühsam von SS-Leuten im Konzentrationslager Oranienburg
erschlagen. Die einfachen und eindringlichen Strophen haben bis heute ihre
Wirkung vor allem auf anpolitisierte Jugendliche nicht verloren.
"19 Jahre alt war ich, als ich diese Zeilen zum ersten Mal las. Mit frisch
rasierten Schläfen schlich ich durch das Provinzkaff, die erste Punkerin
1994", erinnert sich Manja Präkels. Sieben Jahre später hat Präkels, die
mittlerweile als Künstlerin in Berlin lebt, zusammen mit ihrer Band "Der
singende Tresen" das erste Erich-Mühsam-Fest in Spandau organisiert. Im Jahr
darauf hat die Veranstaltung schon Festivalcharakter angenommen. Im letzten
Jahr stand sie dann im Zeichen des Irakkrieges und rückte dementsprechend
den Antimilitaristen Mühsam in den Vordergrund. In diesem Jahr haben die
InitiatorInnen zum 70. Todestag Mühsams den RAW-Tempel in
Berlin-Friedrichshain für ein ganzes Wochenende gefüllt.
Eine Mischung aus Diskussionsveranstaltungen, Workshops,
Theateraufführungen, Lesungen und musikalischen Darbietungen war ganz im
Sinne des Anarchisten Mühsam, der sich auch im künstlerischen Bereich auf
keine Linien festlegen lassen wollte. Die musikalische Bandbreite reichte
dabei von Klezmer bis Hardcore. Auf einer Bühne heizte die schottische
Punkband Los Destructos kräftig ein, in einem anderen Gebäude brachte die
Leipziger Straßenmusikerin Uta Pilling mit ihren "neuen Gassenhauern" die
Halle zum Kochen.
Ruhiger ging es bei den nachmittäglichen Diskussionsveranstaltungen zu.
"Paradigmenwechsel in der Gedenkpolitik - wo stehen wir mit dem NS-Gedenken"
war ein Panel überschrieben, an dem der ehemalige Sachsenhausen-Häftling
Karl Stenzel und die Historiker Hans Coppi und Cord Pagenstecher vom
Zwangsarbeiter-Dokumentationszentrum Schöneweide teilnahmen. Die Runde war
sich weitgehend einig, dass eine Gleichsetzung der politischen Verfolgung in
der DDR mit dem Terror des NS-Regimes abzulehnen ist. Antifaschistische
Basisinitiativen aus unterschiedlichen Regionen konnten nicht nur ihre
Arbeit vorstellen. Sie bekamen auch eine finanzielle Unterstützung. Denn
seit dem letzten Jahr wirft das Erich-Mühsam-Fest, das immer auf finanzielle
Unterstützung von Behörden oder Parteien verzichtet hat, sogar Gewinn ab.
"Das können wir nur erreichen, weil alle Mitwirkenden ohne Gage auftreten",
erklärt der Veranstalter Markus M. Liske. Man habe außerdem verhindert, dass
der Anarchist Mühsam von sozialdemokratischen Kulturpolitikern "mit
salbungsvollen Festreden entradikalisiert und verbürgerlicht" wurde.
Tatsächlich war am Wochenende kein Berliner Politiker zu sehen. "PETER NOWAK

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