Mieterecho 302Rückbau Ost in Berlin
Neue Chancen für die Platte
Peter Nowak

Die Metropole Berlin wird gerne mit Wachstum, Innovation und Moderne
assoziiert. Das in wenigen Jahren aus dem Boden gestampfte moderne Ambiente des
Potsdamer Platzes oder die noch im Entstehen begriffene Spree-City tragen viel zu
diesem Eindruck bei. Schließlich sind es diese Teile der Stadt, die immer
wieder als das Gesicht des modernen Berlins vorgeführt werden - in
Werbebroschüren ebenso wie in Filmen und auf Plakaten.
Doch nur wenige Kilometer von diesen Zentren der Moderne entfernt, gibt es
ein anderes Berlin. Fast leerstehende Wohnblocks mit leeren Fensterhöhlen,
noch nicht mal 20 Jahre alte Wohnsiedlungen, die schon wieder dem Verfall
preisgegeben werden. Solche Bilder findet man in den Ostbezirken Berlins immer
häufiger. In der Stadtsoziologie wurde für dieses Phänomen der Begriff der
schrumpfenden Stadt geprägt. Kritiker sprechen drastischer von sterbenden Städten.
Wie in Ostdeutschland ...
In vielen ostdeutschen Städten zeigt sich, dass es sich dabei nicht etwa um
eine Übertreibung handelt. Halle-Neustadt und Hoyerswerda gehören zu den
Orten, die auf diesem Gebiet an der Spitze stehen. Die einstige DDR-Musterstadt
Hoyerswerda ist davon besonders betroffen, wie schon ein kurzer Spaziergang
dort zeigt. Wo einst bewohnte Häuserzeilen zumindest für Ansätze von urbanen
Leben sorgten, bestimmen nun große Brachen das Straßenbild. Die erst vor
wenigen Jahren nach Hoyerswerda gezogene Architektin Dorit Baumeister kennt die
fatalen Folgen einer stadtpolitischen Abwärtsspirale. "Das gesamte soziale
Gefüge einer Stadt gerät ins Wanken. Die jüngeren Leute ziehen weg. Die
Steuereinnahmen gehen zurück. Soziale Einrichtungen müssen schließen und bei den
Übriggebliebenen breitet sich ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Lethargie aus."
Baumeister kennt auch die Politik der Verdrängung aus eigenem Erleben: "Die
Stadtpolitiker wollen die Folgen dieser Politik oft nicht wahrhaben. Das ist
in Hoyerswerda nicht anders als in Halle oder Berlin."
... so auch in Ostberlin
Lange wiegten sich die Hauptstadtpolitiker in der Hoffnung, dass Berlin von
dem Phänomen der schrumpfenden Stadt verschont bleibt. "Erhalten statt
Abriss", hieß die Devise von Berlins Bausenator Peter Strieder. Die Siedlungen
sollten mit baulichen Maßnahmen so attraktiv gemacht werden, dass die Menschen
dort wohnen bleiben. Dieses Vorhaben ist weitgehend gescheitert. Der
Stadtsoziologe Hartmut Häußermann konstatierte schon vor Jahren, dass auch aus
Ostberlins Plattenbausiedlungen die finanziell besser gestellten Bewohner ins Umland
oder in die Innenstadt ziehen und die älteren oder sozial schwachen Menschen
zurückbleiben.
In Marzahn-Hellersdorf, der mit 100.000 Wohnungen größten Plattenbausiedlung
Europas, stehen über 10.000 Wohnungen leer. Auch dort wird jetzt auf
"Rückbau" gesetzt, wie der Abriss in der Behördensprache heißt.
Rund 1700 Wohnungen in Marzahn-Nord sollen der Abrissbirne zum Opfer fallen.
Im November 2002 wurde mit dem Abriss eines Doppelhochhauses in der
Marchwitzastraße die "Entsorgung Ost" eingeleitet. Stadtsoziologen kritisieren
inzwischen, dass Berlin schlechter auf die Schrumpfung vorbereitet ist als andere
ostdeutsche Städte.
"Im Unterschied etwa zu Cottbus-Sachsendorf-Malchow, wo in einem
Modellversuch die abgetragenen Plattensegmente der oberen Hochhausgeschosse ,nachhaltig'
zur Errichtung von neuen, kleinteiligeren Wohngebäuden verwandt werden, oder
Halle/Leipzig fällt die Fantasiebilanz der Hauptstadt (siehe Planwerk für
reiche Urbaniten) mager aus, dem Gros der umzugswilligen Plattenbaubewohner die
Stadt auch zukünftig schmackhaft zu machen", schrieb der taz-Redakteur Rolf
Lautenschläger schon im letzten Jahr.
Die Betroffenen melden sich zu Wort
Mittlerweile gibt es auch Proteste an einer brachialen Abrisspolitik. So
forderten im November 2003 im Rahmen der Vortragsreihe "Stadtumbau als Impuls
für die Berliner Großsiedlungen" Bewohner/innen von Marzahn und Hellersdorf
eine neue Chance für die Platte. Auch Gruppen, die sich kritisch mit der
Stadtpolitik auseinandersetzen, beginnen sich zögerlich mit dem Phänomen
schrumpfende Stadt zu befassen. Im Sommer 2002 nutzte eine Künstlergruppe die zwei
mittlerweile abgerissenen Doppelhochhäuser in der Marchwitzastraße für ihre
Kulturprojekte. Die Kooperation mit den Bewohnern in der Nachbarschaft war bei
ihnen eher zweitrangig.
Ganz anders sind die Initiator/innen des Kunstprojekts Superumbau im
Spätsommer 2003 in Hoyerswerda vorgegangen. In Filmen und Interviews sind die
Bewohner/innen des Stadtteils zu Wort gekommen. "Die Leute sollten über ihre
Vergangenheit reden, um auch ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Die
schrumpfenden Städte könnte so statt zur Lethargie auch zur Eigeninitiative anregen
und so die Abwärtsspirale bremsen", hoffen die Organisator/innen. Viele
Referent/innen, die vom Projekt Superumbau nach Hoyerswerda eingeladen waren,
hatten ihren Wohnsitz in Berlin. Da müsste es doch möglich sein, die Thematik der
schrumpfenden Stadt auch in Berlin aus dem theoretischen Umfeld von
Ausstellungen und Veranstaltungsreihen rauszuholen und die Menschen im Alltag damit
konfrontieren.

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