Telepolis04.06.2004 In den Fängen der Geschichtspolitik

Peter Nowak

US-Präsident Bush in Europa, der D-Day und der Irak-Krieg
Ganze Stadtteile sind abgesperrt, Panzer sind auf vielen Straßen
aufgefahren und Hubschrauber kreisen über der Stadt. Seit US-Präsident
George Bush in Rom gelandet ist, befindet sich die italienische
Hauptstadt im Ausnahmezustand [1]. Kein Zweifel, der US-Präsident
erregt in Italien auch nach dem offiziellen Ende des Irakkriegs die
Gemüter und treibt eine große Anzahl von Kriegsgegnern [2],
Gewerkschaftlern und Globalisierungsgegnern auf die Straße [3].
Dabei hat die in dem Bündnis Olivenbaum zusammengeschlossene
sozialdemokratische Opposition nicht zu den Protesten aufgerufen. Sie
übt sich als Regierung im Wartestand lediglich in moderater Kritik an
Bush. Das Irakengagement der Berlusconi-Regierung ist in breiten
Kreisen der italienischen Bevölkerung unbeliebt [5]. Auch die Tötung
von italienischen Soldaten, die im Irak offiziell nur Aufbauarbeiten,
aber keine Kampfaufträge ausführen dürfen, erzeugte aller Bemühungen
der rechtskonservativen Berlusconi-Regierung zum Trotz keine
patriotischen Aufwallungen bei der italienischen Bevölkerung. Als
einige italienische Mitarbeiter privater Sicherheitsdiensten [6] von
islamistischen Gruppen im Irak entführt wurden, boten sich sogar Teile
der Friedensbewegung als Verhandlungspartner an.
Daher bemühte sich Berlusconi im Vorfeld des Bush-Besuchs, die
Aufmerksamkeit vom aktuellen Irak-Engagement auf historische Themen zu
lenken. Die italienische Bevölkerung solle Bush als Vertreter einer
Nation begrüßen, deren Soldaten sie vor 60 Jahren vom Hitlerregime
befreit hat, erklärte der italienische Regierungschef. Ungewöhnliche
Töne von einem Mann, der vor noch nicht zu langer Zeit gute Züge am
Mussolini-Regime [7] erkennen wollte und der mit einer Partei koaliert,
die bis vor wenigen Jahren zu Mussolinis Nachlassverwaltern [8]
gehörte.
Doch je mehr die Konservativen und ihre Bündnispartner Bush als Mann
der Befreiung vom Faschismus begrüßen, desto mehr verfallen die Linken
und Kriegsgegner ungekehrt in eine fatale Geschichtsamnesie. Sie
protestieren gegen den "Henker Bush" und verurteilen damit die
gegenwärtige US-Politik. Dass Bush den Opfern des von deutschen
SS-Männern verübten Massaker an den Ardeatinischen Höhlen [9]
gedachte, wo 1944 über 300 Menschen darunter zahlreiche Juden, als
Vergeltungsschlag für einen Partisanenangriff ermordet wurden, wird
höchstens als perfide Heuchelei wahrgenommen. In der Kritik an der
aktuellen US-Politik droht eine Erkenntnis zu verschwunden, die
Überlebende aus Konzentrationslagern 1945 im Schwur von Buchenwald noch
klar formuliert hatten:
Wir danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets
und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und
das Leben erkämpfen. [...] Die Vernichtung des Nazismus mit seinen
Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und
der Freiheit ist unser Ziel.
In Frankreich, der nächsten Station von Bushs Europatour, werden die
Proteste kleiner sein. Schließlich hat die Regierung im Bündnis mit
Deutschland die USA beim Irak-Engagement nicht unterstützt. Doch auch
dort werden geschichtliche Daten zur Sanktionierung aktueller Politik
benutzt. Die Feier des 60. Jahrestages des D-Days nutzt Bush dazu, um
sein Irak-Engagement als Fortsetzung des US-amerikanischen
Freiheitskampfes zu interpretieren.
In Deutschland werden die Massendemonstrationen dieses Mal ausbleiben.
Das Land steht nicht auf Bushs Reiseplan. Das offizielle Deutschland
hingegen kann sich als Nation präsentieren, die ihre geschichtlichen
Aufgaben erledigt hat. Bundeskanzler Schröder nimmt als Regierungschef
an den D-Day-Feierlichkeiten teil. Die gewachsene Rolle Deutschlands
wird bei diesem Treffen deutlich. Zwar zelebrierte Bushs Vorgänger
Ronald Reagan schon 1985 auf dem SS-Friedhof von Bitburg
deutsch-amerikanische Versöhnung [10]. Diese Geste war allerdings auch
ein Dankeschön an Helmut Kohl, der damals trotz starker Widerstände in
der Bevölkerung die Aufstellung von Mittelstreckenraketen in
Deutschland durchsetzte. Heute kann Schröder an der
Versöhnungszeremonie teilnehmen, ohne dass er dafür noch Wohlverhalten
mit der US-Politik zeigen muss.
Die Friedensbewegung demonstrierte 1984 nicht gegen die Versöhnung über
den Gräbern von SS-Männern, sondern nur gegen Ronald Reagan und seine
deutschen Verbündeten. Auch heute gibt es in Deutschland kaum ein
öffentliches Gedenken und Erinnerung an die Alliierten, die den
Nationalsozialismus besiegten. Lediglich einige antideutsche Gruppen
laden zu D-Day-Feiern [11] ein. Doch auch sie haben sich in den Tücken
der Geschichtspolitik verfangen. Denn ähnlich wie Bush ziehen sie eine
positive Linie vom D-Day zum Irak-Engagement der USA.

Links

[1] http://zeus.zeit.de/hb/486696.xml
[2] http://www.g26.ch/texte_irak_05.html
[3] http://www.swissinfo.org/sde/Swissinfo.html?siteSect=143&sid=4980200
[4] http://italy.indymedia.org
[5]
http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E4B71DE282A
A344B38C13D2A0E00D4478~ATpl~Ecommon~Scontent.htm
[6]
http://germany.indymedia.org/2004/04/80770.shtml
[7] http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/864/17847
[8] http://www.dw-world.de/german/0,3367,1473_A_401876,00.html
[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Ardeatinische_H%F6hlen
[10] http://www.bitburg.de/1998/besuch/history/hist.htm
[11] http://www.linkeseite.de/index1791.htm

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