TELEPOLIS24.05.2004Umstrittener Preisträger

Peter Nowak

Im Zeichen der zunehmenden Entfremdung von den USA bekommt die
Preisverleihung des US-Kritikers Noam Chomsky eine besondere Note
Am vergangenen Sonntag hat der US-Amerikanische Philosoph und
Sprachwissenschaftler Noam Chomsky [1] in Oldenburg den mit
zehntausend Euro dotierten Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte
und Politik entgegengenommen. Der Preis wurde dem Wissenschaftler von
der Jury, der u.a. der Journalist Dr. Klaus Bednarz und die ehemalige
Berliner Senatorin und heutige Präsidentin des Goethe-Instituts Inter
Nationes, Professor Dr. Jutta Limbach angehören, einstimmig zuerkannt.
Geehrt werde Chomsky für seine kritische Sicht auf die Weltordnung
unter besonderer Berücksichtigung der Medien.
Als politischer Publizist erlangte Chomsky ebenfalls seit den 6Oer
Jahren Berühmtheit. Seine kultur- und politikkritischen
Veröffentlichungen ließen ihn zum Wortführer der neuen Linken und zum
bekanntesten Protagonisten der Anti-Vietnam-Bewegung avancieren.
Aus einer Mitteilung [2] zur Preisverleihung
Kritik [3] an der Preisverleihung an Chomsky kam etwa von einer
ausgewiesenen Linken, wurde allerdings öffentlich bislang kaum
wahrgenommen. Schon länger gibt es immer wieder
Auseinandersetzungen [4] um den verengten Machtbegriff von Chomsky.
Der Titel seines kürzlich im Europa-Verlag auf Deutsch erschienenen
Buches bringt ihn gut auf den Punkt: "Hybris. Die endgültige Sicherung
der globalen Vormachtsstellung der USA".
Während er die US-Politik einer vernichtenden Kritik unterzieht, werden
andere weltpolitische Akteure wie die EU ausgeblendet oder nur als
Opfer und Vasallen einer allmächtigen USA gesehen. So wird in seinen
Analysen zum Kosovo-Krieg [5] die Rolle europäischer Regierungen und
besonders die Deutschlands weitgehend ausgeblendet. Auch seine
politischen Interventionen in den Nahost-Konflikt [6] beschränken sich
auf eine Verurteilung von Israel und der USA. Die Politik der
Palästinenser wird von Chomsky keiner kritischen Würdigung unterzogen.
Sie sind in seinem Weltbild Statisten einer omnipotenten USA.
Es ist nicht verwunderlich, dass sich Chomsky auch vor falschen
Freunden nicht retten kann. So hat der Herausgeber der
neofaschistischen Nationalzeitung Gerhard Frey mit Chomsky ein
Interview [7] geführt und lobt seine Bücher in höchsten Tönen [8].
Vermutlich war der Professor aus den USA über die politische
Ausrichtung des Blattes nicht informiert [9]. Ob er dann das Interview
tatsächlich verweigert hätte, ist zumindest fraglich. Schließlich
verteidigt [10] Chomsky bis heute hartnäckig das Recht auf
Meinungsfreiheit auch für Holocaustleugner oder -relativierer.
Auch seine aktuelle Preisverleihung ist ein politisches Signal. Chomsky
liefert mit seiner US-Kritik die Stichworte, die in einem
selbstbewussteren, sich zunehmend von den USA abkoppelnden Europa
längst aus den Publikationen der Linken und Friedensbewegten in die
Verlautbarungen der deutschen oder französischen Regierungsstellen
gewandert sind. Die Preisverleihung selber kann als gelungene Symbiose
von Regierungspolitik mit Bewegungselementen interpretiert werden. So
hat der Chomskyübersetzer Michael Schiffmann die Laudatio. Der hat sich
erst kürzlich als Heidelberger Friedensaktivist gegen Kritik an der
umstrittenen Kampagne "10 Euro für den irakischen Widerstand (
"Spenden für den Terror" [11]) verwahrt [12]. Was zumindest den
Verdacht nahelegt, dass Schiffmann ebenfalls nur die Rolle der USA in
der Weltpolitik kritisiert und andere Akteure ausblendet.
Während man den US-Bürger Chomsky zugute halten kann, dass er eben in
erster Linie sein eigenes Land kritisiert, kann das von seine
Interpreten in Deutschland und anderen Ländern nicht gesagt werden. Die
einseitige Vereinnahmung erfahren natürlich gegenwärtig neben Chomsky
auch andere prononcierte Kritiker der US-Politik. So kann sich Michel
Moore vor Preisen und Sympathie für sein Bush-Bashing nicht retten.
Künstler, die ähnlich kritisch deutsche Politiker aufs Korn nehmen,
fristen ein randständiges Dasein. Was man Chomsky zubilligt, gilt für
einen Regierungskritiker aus Deutschland noch lange nicht. Diese
Erfahrung musste im November 2003 der Psychoanalytiker Hans Eberhard
Richter [13] machen. Seine Ernennung zum Ehrenbürger seiner
Geburtsstadt Giessen scheiterte [14] am Widerspruch von CDU und FDP.
Grund war Richters Pazifismus und seine Ablehnung des Irak-Kriegs.

Links

[1]
http://www.zmag.org/chomsky/index.cfm
[2] http://www.oldenburg.de/cvo-preis/2004.html
[3] http://www.eussner.net/artikel_2004-05-13_03-06-06.html
[4] http://www.freitag.de/2004/22/04220801.php
[5] http://www.edition8.ch/military.htm
[6] http://www.uni-kassel.de/fb1O/frieden/regionen/Nahost/chomsky.html
[7] http://de.indymedia.org/2002/07/26769.shtml
[8] http://www.dsz-verlag.de/Artikel_04/NZ06_2.html
[9] http://www.klick-nach-rechts.de/gegen-rechts/2002/09/chomsky.htm
[10] http://www.eussner.net/artikel_2004-05-13_03-06-06.html
[11] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/16338/1.html
[12]
http://www.antikriegsforum-heidelberg.de/irakkrieg2/aktionen/panorama_nd
_mickschif1.html
[13]
http://www.ippnw.de/20jahre/personen/richter.htm
[14]
http://www.faz.net/s/Rub8D05117E1AC946F5BB438374CCC294CC/Doc~E5361250728
AF4C128529A2847F9A3270~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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