Telepolis vom 20.1.04Vom Protest zum Widerstand?

Peter Nowak
Arundhati Roys Rede und ihr Aufruf zum "globalen Widerstand gegen die
Besatzung" im Irak auf dem Weltsozialforum in Bombay
Eigentlich versprach das 4. Weltsozialforum [1], das am Mittwoch in
Bombay zu Ende geht, keine großen Überraschungen. Was ist auch schon
von einem Markt der Möglichkeiten des weltweiten Protest-Jetsets zu
erwarten, das einmal im Jahr die Ungerechtigkeit der Welt beklagt?
Selbst alte Weggefährtinnen der Sozialforumsbewegung beklagten [2]
dieses Jahr die Unverbindlichkeit.
Hätten nicht schlauere Organisatoren durchgesetzt, dass das WSF in
diesem Jahr vom brasilianischen Porto Alegre nach Bombay [3] umzieht,
wäre das Medienecho viel geringer gewesen. So konnten die
Bewegungsfunktionäre das von ihnen soviel beklagte Elend im wahrsten
Sinne des Wortes vor der Haustür erleben.
Der Konferenzort lag neben einem der vielen indischen Slums. Aber die
Veranstaltungsregie und die Wachen sorgten dafür, dass kein Bettler in
die Hallen des WSF eindringen konnte. Aber der Ortswechsel hatte auch
politische Konsequenzen. Vertreter der zahlreichen indischen
Basisorganisationen wie der Dalits [4] und der Bauernbewegung machten
mit eigenen Aktionen auf sich aufmerksam. Mit dem antiimperialistischen
Bündnis Mumbai Resistance [5] erwuchs dem WSF zudem eine linke
Konkurrenz.
Dann kam mit der Rede der indischen Schriftstellerin Schriftstellerin
Arundhati Roy [6] dann doch noch der Paukenschlag [7], der
Auswirkungen selbst in den Büros von Organisationen hat, von deren
Existenz man sonst selten etwas hört. "Arundhati Roy spaltet die
Globalisierungsbewegung und liefert den Besatzern die Legitimation für
weitere Gewaltakte", kritisiert [8] Jürgen Grässlin, Bundessprecher
der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen
(DFG-VK). Denn wenn die Schriftstellerin Roy beim Weltsozialforum in
Bombay fordere, die Bewegung müsse Teil des Widerstands im Irak werden,
"dann legitimiert sie auch den militärischen Widerstand".
Hat die wortgewaltige Inderin, die sowohl von linken wie von rechten
Medien [9] gehypt wird , etwa die umstrittene Kampagne "10 Euro für den
irakischen Widerstand" ( "Spenden für den Terror" [10]) unterstützt,
von dem sich der besagte DFG-VK-Sprecher und langjährige
Grünenfunktionär Grässlin erst im Dezember distanzierte? Oder ist sie
eine Art weiblicher Rudi Dutschke, die aus dem WSF wie einst der
Studentenaktivist auf dem Vietnamkongress in Westberlin den Protest in
Widerstand verwandeln will? Das legt zumindest die Berichterstattung
der taz vom Montag nahe. Mussten sich die Attac-Vertreter auf dem WSF
deshalb gleich so wortreich distanzieren, wie der DFG-VK-Funktionär
einige Stunden später?
"Wir müssen reale Ziele ins Visier nehmen .."
Die Lektüre der Rede [11] hätte vielleicht manche
Distanzierungserklärung überflüssig gemacht. Roy gab in Bombay nicht
den Dutschke, sondern sie blieb ganz sie selber und brachte nur das
Credo eines Globalisierungskritikers auf den Punkt. Der Krieg gegen den
Terror werde mit dem Krieg gegen die Armut vermischt. Ausführlich ging
sie auf die Verhältnisse in ihrem Heimatland Indien ein, wo sich eine
hindunationalistische Regierung auch mit Pogromen an der Macht hält.
Diese Ausführungen sind schon deshalb sehr bedenkenswert, weil hier
nicht einfach das Feindbild USA für die Übel in der Welt verantwortlich
gemacht werden, wie es auf manchen Treffen von Globalisierungskritikern
oft Usus ist.
Zum Schluss kommt jener Passus, der zu den Distanzierungen führte. Sie
schrieb den versammelten NGO-Vertretern einige ihnen unangenehme
Wahrheiten ins Stammbuch: "Dennoch besteht das Risiko, .... dass das
WSF, das eine entscheidende Rolle in der Bewegung für globale
Gerechtigkeit gespielt hat, zu einem Guthaben unserer Feinde wird. Wir
müssen dringend unsere Strategien des Widerstands diskutieren. Wir
müssen reale Ziele ins Visier nehmen und wirklichen Schaden anrichten.
Gandhis Salzmarsch war nicht lediglich politisches Theater." Auch der
Mentor der Sozialforumsbewegung, der brasilianische Präsident Lula wird
wegen seiner von seinen Vorgängern übernommenen neoliberalen
Wirtschaftspolitik kritisiert. Dann warf sie einen kurzen Blick auf dem
Irak, wo sie gerade nicht zum bewaffneten Widerstand aufrief:
Die Frage ist nicht, den Widerstand im Irak gegen die Besatzung zu
unterstützen, oder zu debattieren, wer genau zum Widerstand im Irak
gehört ( Sind sie alte Baath-Killer? Sind sie islamische
Fundamentalisten?) Wir müssen der globale Widerstand gegen die
Besatzung werden. Unser Widerstand muss mit der Zurückweisung der
Legitimität der US-Okkupation Iraks beginnen. Das bedeutet Handeln, um
es dem Imperium unmöglich zu machen, seine Ziele zu erreichen. Es
bedeutet, Soldaten sollten sich weigern zu kämpfen, Reservisten sich
weigern, eingezogen zu werden. Arbeiter sollten es ablehnen, Schiffe
und Flugzeuge mit Waffen zu beladen...
Zum Abschluss schlug sie dann eine weltweite Boykottkampagne gegen zwei
vom Irakkrieg profitierende US-Konzerne vor. Ein Vorschlag, der schon
beim letzten WSF in Porto Alegre mit großer Zustimmung diskutiert
wurde. So dürfte die Aufregung um Roys angeblichen Militanzaufruf eher
den Konflikt zwischen den Bewegungsfunktionären und der Basis der
Globalisierungskritiker widerspiegeln. Deren Seele erreicht Roy mit
ihren flammenden Reden noch immer, wie der große Applaus in Bombay
zeigte.

Links

[1] http://weltsozialforum.org
[2] http://www.taz.de/pt/2004/01/15/a0242.nf/text
[3] http://www.wsfindia.org
[4] http://www.ambedkar.org/p9.htm
[5] http://mumbairesistance.org/
[6] http://website.lineone.net/~jon.simmons/roy/
[7] http://www.netzeitung.de/ausland/269552.html
[8] http://www.dfg-vk.de/home/php/anzeigen2.php?index=133&bereich=Presse
[9]
http://www.swg-hamburg.de/Aus_der_Presse/Freiheit_fur_die_einen_ist_Skla
verei_fur_die_anderen.pdf
[10]
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/16338/1.html
[11] http://www.jungewelt.de/2004/01-20/003.php

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