Telepolis vom 19.11.2004 Antonio Negri
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Die "bösen Meister" werden sich in Zukunft vermehren
Peter Nowak
Ein Gespräch mit dem italienischen Philosophen Antonio Negri
Antonio Negri - eine Revolte, die nicht endet [1] heißt ein Film von
Alexandra Weltz und Andreas Pichler, der am 19.11. 2004 um 22.15 Uhr
auf Arte gezeigt wird. Damit wird erstmals das Leben des
italienischen Philosophen Antonio Negri [2] dokumentiert, der in den
letzten Jahren mit "Empire" (Es rappelt im Emperium [3]) und
"Multitude: Krieg und Demokratie im Empire" (Gentechnik-Gesetz: Bitte
warten, bitte warten... [4]) einen wahren Hype auslöste (Die
Neuentdeckung der Utopie [5]). "Universitätsprofessor, Gefangener,
Exilant, Staatsfeind Nummer eins in Italien und jetzt einer der Stars
der neuen Antiglobalisierungsbewegung" - das sind einige der Stationen
[6], Stationen dieses ungewöhnlichen Lebens.
Haben Sie sich selbst in diesem Filmporträt wieder erkannt?
Antonio Negri:
Sicherlich ist es immer kompliziert, das Leben eines Menschen in einen
Film einzufangen. Doch dieser Film hat einen roten Faden durch mein
Leben gespannt, einen tiefroten Faden.
Wie hat sich die Neue Linke, in der Sie aktiv waren, von ähnlichen
Bewegungen in anderen Ländern Europas unterschieden?
Antonio Negri:
Es gab in Italien keine Trennung zwischen Studierenden und Arbeitern
wie in vielen anderen Ländern. Die Aktivisten der 68er Bewegung
vereinigten sich mit den Arbeitern von Fiat und anderen großen
Fabriken. Diese Besonderheit hat es uns damals ermöglicht, in Italien
ein Widerstandslabor aufzubauen. Dort hat die Verwandlung des Marxismus
innerhalb der breiten Widerstandsbewegung stattgefunden und nicht in
kleinen intellektuellen und studentischen Gruppen. Die Bewegung in
Italien begann Ende der 60er Jahre und fand erst 1979 mit dem großen
Repressionsschlag des Staates ihr Ende.
Es gab allerdings in den 70er Jahren zwischen der Potero Operaio und
der Gruppe Revolutionärer Kampf gute Kontakte. Können Sie sich noch an
die ehemaligen RK-Aktivisten Joseph Fischer und Daniel Cohn-Bendit
erinnern?
Antonio Negri:
Ich kannte alle diese Gruppen, den Revolutionären Kampf, die
Proletarische Front und andere. Es gab damals ein dichtes Geflecht
solcher Gruppen. In Frankfurt/Main waren Thomas Schmidt und Josef
Fischer sehr aktiv Doch ihnen ist es nie gelungen, die Verbindung
zwischen dem Massenkampf und der Herausbildung eines
nichtrevisionistischen Marxismus herzustellen. Da hat der frühe Tod von
Jürgen Krahl eine Lücke hinterlassen, die nicht wieder geschlossen
werden konnte.
Noch immer sind zahlreiche italienische Aktivisten aus der Bewegung der
70er Jahre im Exil und müssen in Italien mit Strafverfolgung rechnen.
Sind Sie also einer Illusion aufgesessen, als sie Ende der 90er Jahre
mit der Hoffnung auf eine Amnestie nach Italien zurück gekehrt sind?
Antonio Negri:
Ich kam nach Italien, weil mir italienische Politiker versicherten,
meine Rückkehr nach Italien würde das Projekt einer Amnestie für die
Aktivisten der Kämpfe der 60er und 70er Jahre beschleunigen. Es gab zu
dieser Zeit auch konkrete Verhandlungen aller Parteien. Doch Berlusconi
hat dann die Initiative ergriffen und dieses Projekt zum Scheitern
gebracht. Heute ist eine Amnestie in Italien nicht möglich. Die
regierende Rechte lehnt sie ab und die Linke ist nicht fähig,
Initiativen zu ergreifen. So verfolgt Italien seine politischen Gegner
nach mehr als 25 Jahren noch immer mit großer Rache.
Sie galten in Italien als Staatsfeind Nr. 1 und wurden als böser
Meister und Verderber der Jugend bezeichnet. Ist das für Sie heute
nicht schon fast ein Ehrentitel?
Antonio Negri:
Italien ist ein durch und durch katholisches Land. Da sind solche
Bezeichnungen total negativ. Sie sollen den so Bezeichneten total
stigmatisieren. Doch ich muss zugeben, dass mich die Bezeichnung auch
etwas mit Stolz erfüllt. Italien braucht viele solcher böser Meister,
damit sich dort die Verhältnisse überhaupt ändern. Ich denke, sie
werden sich in Zukunft vermehren.
Sie gelten als eine der Galionsfiguren der Antiglobalisierungsbewegung.
Welche Perspektive sehen Sie für diese Bewegung, die in der letzten
Zeit nur noch über die Sozialforen in den Medien präsent ist?
Antonio Negri:
Ohne Zweifel macht diese globalisierungskritische Bewegung zur Zeit
eine tiefe Krise durch. Doch schon heute hat sie unübersehbare Spuren
hinterlassen. Jede weitere Bewegung, die entstehen wird, kann nicht
umhin, daran anzuknüpfen. Es handelt sich um die erste
postsozialistische Bewegung seit 1968.

LINKS

[1]
http://www.arte-tv.com/de/woche/244,broadcastingNum=442238,day=7,week=47
,year=2004.html)
[2]
http://www.antonionegri.com
[3] http://www.telepolis.de/r4/artikel/12/12166/1.html
[4] http://www.telepolis.de/r4/artikel/18/18419/1.html
[5] http://www.telepolis.de/r4/artikel/16/16664/1.html
[6]
http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/main.jsp?applicationID=207&artic
leID=80&languageID=

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