TAZ vom 19.07.03Aguascalientes in Neu Zittau
Auf dem Gelände einer ehemaligen Stasi-Funkzentrale entsteht ein
Kulturzentrum. Die Gründer sind Sympathisanten der mexikanischen Zapatisten. Sie hatten
hier bereits die "erste indigene Botschaft Europas" ins Leben gerufen
Noch liegt Stille über dem Kesselberg bei Neu Zittau. Wer sollte sich auch
auf 45 Hektar große Areal verirren, das sieben Kilometer hinter dem S-Bahnhof
Erkner abgeschieden im Wald liegt? Doch das könnte sich demnächst ändern.
Denn bei einer Versteigerung des Geländes bekam vor wenigen Tagen der Verein
Ökologisches Kulturzentrum Kesselberg den Zuschlag. Die stolze Kaufsumme von
103.000 Euro wurde fast vollständig durch eine Spendenkampagne aufgebracht. In
den nächsten Wochen muss der Rest von knapp 30.000 Euro aufgetrieben werden.
Dann wird der Verein als Eigentümer ins Grundbuch eingetragen.
Für Tommy geht damit ein Traum in Erfüllung. "Da wird ein Stück
zapatistische Utopie Wirklichkeit", sagt er fast euphorisch. Wie viele Linke fuhr der
projekt-erfahrene Westberliner Mitte der 90er-Jahre in den südmexikanischen
Regenwald. Die Zapatistas hatten sich in der Provinz Chiapas gegen die Regierung
erhoben und SympathisantInnen aus aller Welt fasziniert. Eine neue Linke ohne
Dogmen und Hierarchie wurde beschworen. Schnell bildeten sich zapatistische
Netze in vielen Ländern der Welt.
In Berlin haben Tommy und viele andere mitgeknüpft. Den gemeinsamen Traum
vom Leben, Arbeiten und Politikmachen, diskutierten die Beteiligten intensiv.
Das Kesselberg-Gelände schien für die Umsetzung der gemeinsamen Utopie gut
geeignet. Schließlich wurde die ehemalige Stasi-Funkzentrale in den Neunzigern
auf ABM-Basis zu einem ökologischen Modellprojekt ausgebaut. Noch heute finden
sich auf dem weitläufigen Gelände überall Spuren davon, von der bepflanzten
Schallschutzmauer bis zu den Sonnenkollektoren auf einem der neun Häuser.
Doch die ABM-Gelder waren ausgelaufen, die Projektpartner hatten sich
zerstritten. Das führte 1997 zum Ende des allseits gelobten Projekts.
Damals wurden die vom Zapatismus inspirierten BerlinerInnen auf das Gelände
aufmerksam. Sie machten daraus die "erste indigene Botschaft Europas".
Vertreter der UreinwohnerInnen aus Mexiko, Panama, Venezuela, Brasilien und
Kolumbien diskutierten auf dem Kesselberg ihre Probleme, die Ursachen und
Lösungsansätze. Mehrmals erhielten die indigenen Gäste Einladungen ins Schöneberger
Rathaus, manchmal schafften sie es auf die Lokalseiten der Berliner Presse.
Doch im letzten Herbst drohte dem Projekt das Aus. Die Bank für
Gemeinwirtschaft forderte als Grundstücksverwalter den Kesselberg-Verein zur sofortigen
Räumung auf. Denn mittlerweile hatten zahlungskräftige Käufer Interesse an dem
Grundstück bekundet. Die Errichtung eines Schulungszentrums für Mitarbeiter
eines Pharmaunternehmens war im Gespräch. Daraus wurde letztlich nichts: Eine
erste Versteigerung im Oktober 2002 ging ergebnislos zu Ende.
Das ermutigte den Verein, sich selbst an der Versteigerung zu beteiligen. So
könnte in einigen Jahren ein reaktiviertes Ökologisches Zentrum Kesselberg
entstehen, ein kleines "Aguascalientes", wie Tommy es in Anspielung auf das
internationale Tagungshaus der Zaptatisten in Chiapas nennt. Doch zunächst
kommt viel Arbeit auf die AktivistInnen zu. Die Heizungsanlage muss instand
gesetzt werden, einige Häuser sind dringend renovierungsbedürftig. Auch dafür
heißt es Gelder zu akquirieren. Tommy ist zuversichtlich: "Wir schaffen die
Infrastruktur. Aber für die Inhalte brauchen wir Anstöße von außen." Schon jetzt
können in einem Haus Tagungen und Seminare zu niedrigen Preisen durchgeführt
werden. SpenderInnen und HelferInnen werden dringend gesucht. Der Aufruf hat
auch schon in der unmittelbaren Nachbarschaft Gehör gefunden: Die Antifa
Erkner hat ihr Domizil mittlerweile auf den Kesselberg verlegt.

PETER NOWAK

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