jungen Welt vom 26.02.2003 www.linkeseite.de droht das Ende

www.linkeseite.de droht das Ende: Unterstuetzung Fehlanzeige?
jW sprach mit dem Betreiber Oliver Barthel
Interview: Peter Nowak

* Dem linken Webportal
www.linkeseite.de droht am 28. Februar die Schliessung. Oliver Barthel ist seit Jahren fuer den Betrieb der Internetseite verantwortlich

F: Was zeichnet die Linke Seite aus?

Sie ist ein stroemungsuebergreifendes, linkspolitisches Informationsangebot. Beitraege verschiedenster Gruppierungen und Organisationen werden ebenso veroeffentlicht wie Diplomarbeiten von Einzelpersonen. Hinzu kommen ein umfangreiches Linkverzeichnis sowie ein bundesweiter Terminkalender. Aktualitaet und Umfang der Seiten haben wohl erheblichen Anteil daran, dass dieses Angebot in den fast vier Jahren seines Bestehens noch immer ansteigende Nutzerzahlen verzeichnet.

F: Sie waren wiederholt polizeilicher Repression ausgesetzt. Was ist daraus geworden?

Am 3. Mai 2001 fand bei mir die erste Hausdurchsuchung statt. Grundlage war der Vorwurf des Verstosses gegen das Vereinsgesetz, weil ich Texte der linken tuerkischen Organisation DHKP-C veroeffentlicht haben soll. Im Rahmen dieser Durchsuchung wurden die Computeranlage, diverse Unterlagen und Datentraeger beschlagnahmt und bis heute nicht herausgegeben. Mitte Dezember 2002 wurde mir vom Landgericht Stuttgart die Anklageschrift zugestellt. Die zweite Durchsuchung fand am 12. September vergangenen Jahres aufgrund eines auf der Seite veroeffentlichten Bekennerschreibens einer autonomen Gruppe statt. Seitdem habe ich nichts mehr von dem Verfahren gehoert.

F: Warum ist das Projekt jetzt gefaehrdet?

Ich habe nach laengerer Arbeitslosigkeit zum 1. Maerz einen Job angeboten bekommen, der zeitlich ein Weiterbetreiben von linkeseite.de nicht mehr zulassen wuerde. Eine Ablehnung wuerde den Wegfall meiner jetzigen Einkuenfte bedeuten. Die ganze Situation macht mir sehr zu schaffen. Enttaeuschend sind auch einige Reaktionen, auf den von mir veroeffentlichten Aufruf auf linkeseite.de. Vorwuerfe, ich haette mich kaufen lassen oder "nun wird abgezockt", sind voellig deplaziert. Allein fuer den Betrieb der Seite fallen monatlich Kosten von etwa 150 Euro an.

F: Warum ist es nicht gelungen, mehr Leute in die Arbeit einzubeziehen?

Es fanden bereits mehrere Treffen statt, ohne dass sich daraus etwas Konkretes entwickelt haette. Vielleicht schreckt ja einige die immer massiver werdende Repression von einer Mitarbeit ab. In naechster Zeit wird es weitere Gespraeche geben, die hoffentlich die Abhaengigkeit des ganzen Projekts von mir als Einzelperson beenden.

F: Gibt es noch Moeglichkeiten fuer den Weiterbetrieb des Webportals?

Definitiv ja. Es gab auf meinen Aufruf, linkeseite.de in Form von freiwilligen Onlineabos und Werbung zu unterstuetzen, durchaus positive Resonanz. Wenn die per Mail eingegangenen Zusagen - unter anderem auch ein Teilzeit-Jobangebot, welches sich vom PC aus machen laesst - realistisch sind, werde ich mich auf jeden Fall fuer eine Weiterfuehrung des Projektes entscheiden.

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