Telepolis 10.07.2003Zweierlei Israel

Peter Nowak


Von der Schwierigkeit einer Verständigung zwischen einem israelischen
und einem deutschen Linken
Das Veranstaltungslokal S036 liegt nicht nur im Herzen von
Berlin-Kreuzberg. Es ist auch eng mit jener autonom-subkulturellen
Szene verbunden, die den Stadtteil über die Grenzen hinaus bekannt
gemacht haben. Da ist es schon ungewöhnlich, dass - wie am
Mittwochabend geschehen- bei allen Besuchern Taschenkontrollen
durchgeführt wurden. Es ging wieder einmal um den Nahostkonflikt und da
gehen die Wogen unter der deutschen Restlinken bekanntlich hoch.
Dabei haben die beiden Referenten des Abends gezeigt, dass trotz
unterschiedlicher Anschauungen eine zivilisierte Auseinandersetzung
möglich ist. Der Konkret [1]-Herausgeber und Kolumnist Hermann
L.Gremliza debattierte mit dem Direktor des Instituts für Deutsche
Geschichte [2] der Universität Tel Aviv Moshe Zuckermann [3] über
Israel, die Palästinenser und die Frage, welche Stellung Linke dazu in
Deutschland haben können. Das ist auch der Inhalt eines gerade im
Konkret-Verlag erschienenen Buches mit dem Titel Zweierlei Israel [4].
Der Dissens zwischen beiden Referenten wurde schnell klar. Während
Gremliza in einem weltweit zunehmenden Antisemitismus die Hauptgefahr
für Israel sieht, verortet Zuckermann die Gefahr im Inneren des
jüdischen Staates. Dementsprechend redet der Hamburger Kolumnist vom
zunehmend offener zur Schau geäußerten Antisemitismus der "deutschen
Männer und Möllemänner". Er zitiert den SPD-Populisten Oskar Lafontaine
mit der Äußerung: "Wir müssen jüdische Mitbürger nicht mögen."
Zuckermann hingegen redet über die innerisraelischen Konflikte, die
nach einem Friedensschluss mit den Palästinensern eine ungeahnte
Dynamik entfalten könnten. Dazu zählt er das ungeklärte Verhältnis
zwischen Staat und Religion, die zunehmenden Kluft zwischen
europäischen und arabischen Juden, die Verschärfung der Klassenspaltung
sowie das Verhältnis zu den in Israel lebenden Palästinensern, die
vielfältiger Diskriminierung ausgesetzt sind. Zuckermann benennt das
Dilemma, in dem Israel steckt. Eine Räumung der Siedlungen könnte zum
bewaffneten Widerstand einer fanatischen Minderheit führen. Werden die
besetzten Gebiete allerdings nicht aufgegeben, greife der
demographische Faktor und Israel würde sich zu einem binationalen Staat
entwickeln, in dem Juden in der Minderheit wären.
Skeptischer als Zuckermann sieht Gremliza das friedenswillige Potential
auf Seiten der Palästinenser. Der bekennende Nichtzionist insistierte
darauf, dass der palästinensische Widerstand nicht primär eine Folge
von Antisemitismus ist, sondern den unerträglichen Lebensbedingungen
unter der palästinensischen Besatzung zu erklären ist. Als er dann noch
daran erinnerte, dass die Hamas in ihrer Entstehungsphase von den
israelischen Behörden gegen die säkulare PLO unterstützt wurde, war bei
einigen Hardcore-Antideutschen, die bedingungslose Solidarität mit der
israelischen Regierung propagieren, die Geduld zu Ende. Einige rollten
ein Transparent mit dem angeblichen Möllemannzitat: "Man wird doch
Israel noch kritisieren können" aus, um die Referenten in die rechte
Ecke zu rücken. Ein jüdischer Überlebender des Naziregimes musste
mehrere Anläufe machen, um überhaupt Gehör zu finden. So gründlich auch
viele Anwesende die Antisemitismustheorien studiert haben mögen, mit
der praktischen Umsetzung hapert es denn wohl doch.

Links

[1] http://www.konkret-verlage.de/kvv/kh.php?jahr=2003&mon=07
[2] http://www.tau.ac.il/GermanHistory/institute.html
[3] http://www.uni-mainz.de/Organisationen/israel-ag/symp2000_refbio_zuckerm
ann.htm
[4]
http://www.konkret-verlage.de/kvv/kt.php?texte=34

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