Telepolis vom 24.05.03Message im Werbeblock

Peter Nowak

Mit eigenwilligen Kurzfilmen soll das Kinopublikum verwirrt werden
Jeder Kinobesucher kennt das Prozedere zu Genüge. Man wartet auf den
Beginn des Films und dabei will der Werbeblock einfach kein Ende
nehmen. Jetzt wollen noch die Berliner Verkehrsbetriebe [1] mit einem
Filmspot die Vorzüge ihres Unternehmens hervorheben. Gähnend will man
sich schon abwenden, dann bleibt das Auge aber doch an der Leinwand
kleben. Denn dort demonstrieren verschiedene BVG-Nutzer, wie sich die
zwei Stunden gültige Zeitkarte kostensparend und kundenfreundlich
mehrfach verwenden lässt. Man drückt sie einfach dem nächsten Fahrgast
in die Hand oder deponiert sie gut sichtbar beim Fahrkartenautomaten.
Bevor sich der Zuschauer so richtig fragen kann, ob die BVG jetzt die
soziale Ader entdeckt hat, ist der Spot schon vorbei. Nicht allen wird
das kleine Logo mit dem Kürzel A-Clip [2] gleich aufgefallen sein.
Dabei handelt es sich um ein Projekt von Filmemachern und
Videokünstlern aus verschiedenen Ländern, die im abgedunkelten Kinosaal
zur Zuschauerirritation beitragen wollen.
"Zwischen Produkt- und Lifestylewerbung trifft der Zuschauer auf einen
Film, der je nach Intention des Produzenten eine kritische politische
Botschaft oder eine subjektive künstlerische Aussage platziert",
erklärt Ariane Müller vom A-Clip-Team. Dabei orientieren sich die
Künstler an der Ästhetik von Werbefilmen, die sie teilweise aufgreifen,
persiflieren und brechen. Keiner der Kurzfilme ist länger als eine
Minute. Der Zuschauer soll zunächst der festen Überzeugung sein, ein
Werbespot auf der Leinwand zu sehen. Nur so kann die gewünschte
Zuschauerverwirrung erreicht werden.
Deshalb besteht das Zielpublikum der A-Clip-Produzenten auch nicht
vorrangig bei dem intellektuellen Besucher der Programmkinos, sondern
in den Besuchern der Großkinos. "Sie werden dadurch zumindest für eine
Minute mit Aussagen konfrontiert, die sie normalerweise gar nicht an
sich ranlassen würden", meinte eine Künstlerin. Lautstarke Proteste
löste die Vorführung der kritischen Clips zwar nicht aus. Aber in
Berlin fühlte sich ein Zuschauer von der politischen Message eines
Spots derart provoziert, dass das Bundeskriminalamt anrief, erzählt die
Filmerin lachend. Das erklärte sich allerdings schnell für unzuständig,
nachdem es den inkriminierten Film in Augenschein genommen hatte.
Das Projekt ist mittlerweile in seine Globalisierungsphase eingetreten.
1997 wurde die erste A-Clip-Ausgabe in Berlin produziert. Die dritte
aus 53 Kurzfilmen bestehende Folge, die ab 25.Mai in den Kinos zu sehen
sein wird, wurde in Berlin, London und Los Angeles produziert.
Ein vielleicht von den Künstlern gar nicht unbedingt gewollter
Nebeneffekt könnte allerdings darin bestehen, dass die Kinowerbung
wieder auf mehr Interesse stößt. Denn sonst könnte man ja den A-Clip
verpassen. Deshalb dürfte die Werbeindustrie ihren künstlerischen
Konkurrenten nicht wirklich gram sein. Die aber müssen aufpassen, dass
sie nicht unversehens neue Auftraggeber bekommen. Denn spätestens seit
dem Skandal um die Benetton-Werbung dürfte bekannt sein, dass Witz,
Kritik und eine Prise Provokation in der Werbebranche heute durchaus
gefragt sind.

Links

[1] http://www.bvg.de/
[2] http://www.a-clip.net

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