TAZ vom 24.2.03Lustig durch die Mitte
Linke Projekte protestieren gemeinsam gegen drohende Vertreibung. 1.500
Menschen bei Demonstration zum Potsdamer Platz. Wagenburgler besetzen Gelände in
Treptow
"Nanu, gibt es Karnevalsumzüge jetzt auch in Berlin?" Eine Touristin blickte
etwas erstaunt auf den bunten, fröhlichen Zug, der sich am Samstag auf der
Straße Unter den Linden bewegte. Rund 1.500 Menschen und etwa zehn teilweise
geschmückte Wagen hatten sich vom Oranienplatz in Kreuzberg zum Potsdamer
Platz aufgemacht. Doch sie wollten nicht etwa Kamelle nach Berlin bringen,
sondern hatten ein eminent politisches Anliegen.

"Keine Ruhe für die Mitte", hieß der Aufruf zahlreicher Berliner Projekte
und Initiativen. Der Slogan war durchaus doppeldeutig gemeint. Schließlich war
der Begriff "neue Mitte" ein Wahlslogan der rot-grünen Bundesregierung. Auf
die Berliner Stadtpolitik bezogen wird mit dem Begriff die Umwandlung ganzer
Stadtteile in Dienstleistungszentren verbunden. Ein Paradebeispiel dafür ist
der Potsdamer Platz. In einigen Jahren könnte es auch an der Spreecity
zwischen Jannowitzbrücke und Ostkreuz ähnlich aussehen. Zurzeit ist dort eine
Großbaustelle.

Zahlreiche linke und alternative Projekte aus der Umgebung sehen sich in
ihrer Existenz gefährdet und haben sich zum Projekte- und Initiativenrat (Pirat)
zusammengeschlossen. Dazu gehört die Wagenburg Schwarzer Kanal, die
jahrelang an der Schillingbrücke ihr Domizil hatte. Zwar hat sie vor einigen Monaten
ein Ersatzgrundstück in unmittelbarer Nähe bezogen, ihre Zukunft ist aber
unklar. Denn die neuen Nachbarn fürchten eine Wertminderung ihrer Grundstücke
und wollen die Burg auf juristischem Weg vertreiben.

Auch das Hausprojekt Köpenicker Straße 137, das am Wochenende den 13.
Jahrestag seiner Besetzung feierte, blickt in eine ungewisse Zukunft. Mehrere
Versteigerungsversuche sind zwar bisher gescheitert, weil schlicht kein Investor
den Ärger mit den BewohnerInnen eingehen wollte. Doch mit der finanziellen
Aufwertung der Gegend könnte sich das ändern.

Die im Pirat vereinten Projekte wollen auch nach der Demonstration
zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. "Egal ob Häuser oder Wagenburgen
geräumt werden sollen oder soziale Zentren aus Geldmangel schließen müssen,
wir lassen uns nicht mehr spalten", sagt eine Pirat-Sprecherin. Der Ernstfall
könnte bald kommen. Das im Pirat vertretene Hausprojekt Rigaer Straße 94 ist
akut räumungsbedroht. Zur Vorbeugung weiterer Räumungen, wie es ein Sprecher
ausdrückte, besetzten am Sonntag Wagenburgbewohner mit acht Wagen ein Gelände
an der Kiefholzstraße in Treptow. "PETER NOWAK

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