TAZ vom 28.07.03Negative Keimzelle und Vorzeigeobjekt
Die Wende hat das Studio Bildende Kunst in Lichtenberg überstanden. Jetzt
soll es weggespart werden. Das
Bezirksamt beruhigt, kein Künstler werde auf die Straße gesetzt. Diese aber
fürchten um die Nachwuchsausbildung
Eine typische Ostberliner Wohnsiedlung mit Plattenbauten und einem
Supermarkt findet sich dort, wo der Bezirk Lichtenberg an Friedrichshain grenzt. Die
Straßen sind noch nach von Nazis ermordeten Antifaschisten wie Harro
Schulze-Boysen oder John Sieg benannt. Nicht leicht zu finden ist die John-Sieg-Straße
13. Gar zu versteckt liegt die alte Jugendstilvilla in einem kleinen Garten.
Kein Schild findet sich am Eingang. Dabei hat sich ein ungewöhnliches
Projekt aus der DDR über Mauerfall und Wiedervereinigung hinweggerettet: das Studio
Bildende Kunst Berlin-Lichtenberg. Doch nun steht das Studio vor einem
weitaus größeren Problem: dem Berliner Haushaltsloch.
1976 wurde es als Teil des Lichtenberger Kulturbundes mitten in der
Wohngegend zwischen Plattenbauten und Hochhäusern eröffnet. Der Bevölkerung sollte
die Kunst nahe gebracht werden. Konflikte mit der DDR-Bürokratie blieben nicht
aus. "Wir wurden zur ,negativen Keimzeile' und gleichzeitig zum
Vorzeigeobjekt für schöpferische Eigeninitiativen erklärt", beschrieb der erste
Studioleiter Wolfgang Kallauka in einer Schrift zum 20-jährigen Jubiläum die Situation.
Anders als viele ähnliche Projekte hatte das Studio die Wendezeit überlebt.
Unter dem Namen "Inventor e. V. - Verein Berliner Graphikfreunde" wurde es
1991 ins Vereinsregister aufgenommen. Die Villa hatte sich in den letzten
Jahren zu einer von Berlins ersten Adressen für Grafikausstellungen entwickelt.
Schon in den Jahren 1992 bis 1994 wurden unter dem programmatischen Titel
"Brückenschläge" drei Ausstellungen gemeinsam mit der Druckwerkstatt des
Kreuzberger Kunsthauses Bethanien realisiert. "Der Blick des Kupferstechers" war
der Titel einer viel beachteten Exposition im Herbst 1995.
Jetzt droht dem Projekt das Aus. Unter den 33 bezirklichen Einrichtungen,
die im kürzlich veröffentlichten Haushaltsplan des Bezirks Lichtenberg für die
Jahre 2004/2005 im Zuge der Einsparungen wegfallen sollen, ist unter dem
Spiegelstrich Kultureinrichtungen auch das Studio Bildende Kunst John-Sieg-Straße
aufgeführt. "Kein Künstler würde auf der Straße stehen. Die einzelnen
Projekte sollen dann nach Karlshorst ausgelagert werden", versucht die Pressestelle
des Bezirksamtes zu beruhigen.
Für die betroffenen KünstlerInnen ist das allerdings ein schwacher Trost.
Vor allem die angebotenen Zeichenkurse sehen sie gefährdet. Jugendliche können
sich dort auf eine Ausbildung als Grafikdesigner vorbereiten. "Wir haben in
den letzten Jahren eine Grafikwerkstatt aufgebaut, die nicht einfach verlegt
werden kann", meint der Maler Ulrich Dietzmann. Er gehört zu den Westberliner
Künstlern, die das Lichtenberger Studio in den letzten Jahren kennen und
schätzen gelernt haben. Er kann nicht verstehen, warum man eine kulturelle
Einrichtung, die sich abseits der angesagten Berliner Künstlerstandorte erhalten
hat, jetzt den Sparmaßnahmen opfern will. Mit Briefen an die
BezirkspolitikerInnen haben sich die StudionutzerInnen in den letzten Wochen gegen die
Schließung ausgesprochen. Unterstützung haben sie von ProfessorInnen Berliner
Kunsthochschulen erhalten.
Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Der Haushaltsentwurf steht erst
im Herbst im Lichtenberger Bezirksparlament zur Abstimmung. So lange können
die KünstlerInnen noch hoffen, dass sie ihre Jugendstilvilla behalten können.
"PETER NOWAK

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