jungen Welt vom 25.06.2003 Studentenproteste am Ende?.

Sozialabbau an Universitaeten: Studentenproteste am Ende?
Der ReferentInnenrat (RefRat) der Humboldt-Universitaet zu Berlin hat den studentischen Protest gegen Sozialabbau Anfang der Woche fuer beendet erklaert. Dorothee Booth ist Oeffentlichkeitsreferentin der Studierendenvertretung
Interview: Peter Nowak

F: Seit Jahren leidet das Hochschulwesen unter einer Attacke nach der anderen. Nun haben Sie den Protest zumindest in Berlin fuer beendet erklaert. Was war der Anlass fuer diesen doch ueberraschenden Schritt?
Der Grund war die enttaeuschende Resonanz auf die Demonstration gegen Bildungsraub und Sozialabbau am vergangenen Samstag in Berlin. Aufgerufen dazu hatten neben der Humboldt-Universitaet und den anderen Berliner Hochschulen, auch die Berliner Landesastenkonferenz, die Landesschuelervertretung und die Gewerkschaften ver.di und GEW. Bei grosszuegigen Schaetzungen beteiligten sich etwa 500 Menschen an dem Protest. Das sind bei 135000 Studierenden und 40000 Mitarbeitern an den Berliner Hochschulen hoechstens 0,3 Prozent der Betroffenen. Auch der Aktionstag gegen Sozialabbau, den wir am vergangenen Freitag an der Universitaet organisiert hatten, stiess bei den Studierenden auf geringe Resonanz. Wir haben uns ueber die Protestbereitschaft der Studierenden wohl Illusionen gemacht.

F: Welche Gruende vermuten Sie hinter der mangelnden Teilnahme?
Sicherlich spielten das Wetter und die zahlreichen kulturellen Veranstaltungen am vergangenen Samstag in Berlin auch eine Rolle. Doch das Missverhaeltnis zwischen der Menge der vom Sozialabbau Betroffenen und den wenigen, die sich dagegen wehren, bedarf einer grundsaetzlicheren Analyse. Die Berliner Hochschulen stehen vor dem finanziellen Kollaps, und die Vorschlaege des Berliner Senats sind jenseits von Gut und Boese. In dieser Situation versuchen viele Studierende, ihr Studium schnell durchzuziehen, weil sie davon ausgehen, dass die Studiengebuehren ohnehin kommen. Kapitalistische Prinzipien wie Effektivitaets- und Konkurrenzdenken sind offenbar schon fest in den Koepfen der Studierenden verankert. So wird hoechstens einmal eine Vollversammlung besucht, um sich ueber den Sozialabbau zu informieren.

F: Sind die Proteste fuer Sie damit endgueltig beendet?
Grosse Aktionen werden wir in der naechsten Zeit nicht mehr planen. Bei denjenigen, die in der letzten Zeit die Proteste organisiert haben, ist die Luft raus. Wir werden uns allerdings mit einem studentischen Block an der Demonstration beteiligen, zu der die GEW am Tag der Bildung am kommenden Freitag, den 27. Juni, in Berlin aufruft. Wir hoffen auf groessere Resonanz. Vor der vorlesungsfreien Zeit werden sich die Aktivisten noch einmal treffen und das weitere Vorgehen beraten. Sinn unserer Erklaerung war nicht, diejenigen zu demotivieren, die sich bisher an den Protesten beteiligen. Vielmehr sollte die Masse der Studierenden, die inaktiv blieben, wachgeruettelt werden.

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