ND 11.12.03Raus aus dem Studi-Getto
Der 50-jährige Versicherungskaufmann aus Berlin-Kreuzberg ist einer der
Sprecher der Initiative für ein Berliner Sozialforum:

ND: Warum engagiert sich das Berliner Sozialforum bei den
Studentenprotesten?
Prütz: Das Ziel des SFB ist die Vernetzung der unterschiedlichen
gesellschaftlichen Akteure, die momentan gegen den Sozialkahlschlag auf die Straße
gehen. In dieser Hinsicht begreifen wir die Demonstration am Samstag als einen
Anfang.
Wollen die streikenden Studenten überhaupt mit anderen sozialen Gruppen
kooperieren oder geht es ihnen vorrangig um hochschulpolitische Belange?
Natürlich gibt es auch viele Studierende, die so denken. Doch ich bin
positiv überrascht, wie schnell die Mehrheit der studentischen Aktivisten mit
anderen von Sozialkürzungen betroffenen Gruppen ins Gespräch gekommen ist.
Besonders aktiv ist in dieser Hinsicht die studentische Arbeitsgruppe »Raus-aus dem
Studi-Ghetto«. Die hatte am vergangenen Dienstag einen Informationsstand vor
der Firma Osram organisiert, um mit den Kollegen und dem Betriebsrat zu reden
und für gemeinsame Proteste zu werben. Auch die Diskussion am Mittwochabend
mit Vertretern von Betriebsräten des Krankenhausbetriebes Vivantes und der
Berliner Verkehrsbetriebe zeigt, dass die Bereitschaft zur Zusammenarbeit groß
ist.
Dem Bewegungsforscher Tino Bargel zufolge sind Studierende schnell
mobilisierbar, ihre Protestbereitschaft erlahme aber auch schnell wieder. Besteht die
Gefahr, dass die Studierendenproteste nach Weihnachten vorbei sind?
Wie lange die Streiks und Aktionen andauern werden, ist natürlich offen. Ich
habe allerdings den Eindruck gewonnen, dass sich die Aktivisten nicht der
Illusion hingeben, dass ihre Forderungen bis Weihnachten durchgesetzt sind.
Daher bin ich ziemlich zuversichtlich, dass sich ein Großteil der Aktivisten
auch im nächsten Jahr weiter engagieren wird. Dafür ist der aktuelle
Vernetzungsprozess natürlich sehr wichtig.
Am 1. November waren in Berlin fast 100000 Menschen aus dem
Erwerbslosen-Spektrum auf der Straße. Wie kann dieses Potenzial aktuell wieder motiviert
werden?
Am 17. Januar werden in Frankfurt (Main) die Organisatoren der Demonstration
vom 1. November auf einem bundesweiten Kongress über ihr weiteres Vorgehen
beraten. Ein wichtiges Datum ist dabei der europaweite Protesttag gegen den
Sozialabbau Anfang April, der beim Europäischen Sozialforum (ESF) Anfang
November in Paris beschlossen wurde. Noch völlig ungewiss ist, wie die
Gewerkschaften reagieren, falls der Flächentarifvertrag im Ermittlungsausschuss
aufgeweicht wird. Dann ist mit massivem Widerstand aus den Betrieben zu rechnen.
Nach dem ESF-Treffen in Paris wird verstärkt über die Gründung eines
Sozialforums in Deutschland diskutiert. Können die aktuellen Proteste einen solchen
Prozess unterstützen?
Ich bin absolut dagegen, dass das Sozialforum von oben aufgestülpt wird. Nur
wenn es die Bewegung in seiner ganzen Breite erfasst, kann es Erfolg haben.
Ein solcher Prozess kann von den Protesten in der Tat unterstützt und
beschleunigt werden. Ich habe den Eindruck, dass sich viele protestierende Studenten
auf das Sozialforum beziehen, ohne es konkret zu kennen. Es besteht Bedarf
an einer Gruppe, die die Proteste bündeln kann.

Fragen: Peter Nowak

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