TAZ vom 13.10.03 SFB will mehr als linken Szenetreff
Das Sozialforum Berlin (SFB) plant in einer Kreuzberger Kita das erste
Soziale Zentrum der Stadt. Noch ist unklar, ob
und wie die Initiatoren das Gebäude nutzen dürfen. Nach einer Besetzung am
Freitag verhandeln sie heute mit dem Bezirk
von PETER NOWAK
Das neu gegründete Sozialforum Berlin (SFB) - ein breites Netzwerk linker
Gruppen - plant in der Glogauer Straße 16 ein Zentrum, das unterschiedliche
politische Initiativen und Einzelpersonen zusammenführen soll. Arbeitstitel: das
erste Soziale Zentrum Berlins. In der Kindertagesstätte, die seit zwei
Jahren leer steht, soll nicht nur ein Treffpunkt für die linke Szene entstehen.
Man will auch mit Menschen, die vom Sozialabbau betroffen sind, ins Gespräch
kommen und sie in Proteste einbinden.
Letzten Samstag machten die PolitaktivistInnen vor, wie das aussehen könnte:
Unter dem Motto "Rock da House" hatten die SFBler zur Party geladen, auf der
die in zahlreichen Grabenkämpfen zerstrittene Berliner Linke vereint
feierte. Das Haus hatten sie für einen symbolischen Preis von 50 Euro gemietet -
nachdem sie es Freitagnachmittag für einige Stunden besetzt hatten (die taz
berichtete).
Zum SFB gehören Gruppen und Initiativen aus dem autonomen und
antifaschistischen Spektrum ebenso wie Attac und die Initiative gegen den Bankenskandal,
die das Zentrum in Zukunft nutzen wollen. Während auf der Mailingliste des
Sozialforums nach der Besetzung schon heftig über die richtigen Aktionsformen
gestritten wurde, ist nach wie vor unklar, ob und wie das SFB die Räume nutzen
darf.
Obwohl sich die Fraktionen von SPD, Bündnisgrünen und PDS in der
Bezirksverordnetenversammlung hinter das Projekt gestellt haben, gibt es noch zahlreiche
Streitpunkte. Das Bezirksamt verlangt eine Miete von 3 bis 5 Euro pro
Quadratmeter für das rund 550 Quadratmeter große Gebäude. Das SFB wolle das Haus
jedoch mietfrei nutzen und lediglich für die Betriebskosten aufkommen, sagt
SFB-Mitbegründerin Uschi Volz-Walk. "Wir sind bereit, Eigenleistungen zu
erbringen, etwa bei der Renovierung der Räumlichkeiten", so SFB-Verhandler Birger
Scholz (siehe Interview).
Der Bezirk brachte kürzlich eine neue Option ins Spiel: Danach soll das
Gebäude vom Vermögen der Jugendverwaltung ins Finanzvermögen des Landes übergehen
und vom Liegenschaftsfonds veräußert werden. Solche Planspiele erhöhen - wie
auch ein Brief von Innensenator Ehrhart Körting, in dem er den Bezirk vor
verfassungsfeindlichen Bestrebungen warnt - den Druck bei den Verhandlungen,
die heute zwischen SFB-VertreterInnen und dem Bezirk fortgesetzt werden.
Die AktivistInnen holten sich die Inspiration für ein Soziales Zentrum aus
Italien, wo solche in vielen Städten existieren. Dort arbeiten zudem die No
Globals genannten GlobalisierungskritikerInnen seit Jahren eng mit der
Gewerkschaftsbasis zusammen. Ein Ziel, das auch die Berliner AktivistInnen haben.

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