TAZ vom 16.07.03Hungern vor der Stellwand der Toten
Auf dem Alex protestieren AktivistInnen mit einem Hungerstreik gegen
Menschenrechtsverletzungen in türkischen Gefängnissen. Seit Samstag trinken sie nur
gezuckerten Tee. Eine Berlinerin, die selbst in Isolationshaft saß, streikt
mit
Die Gesichter der 10 Männer und Frauen, die vor dem kleinem Zelt auf den
Alexanderplatz sitzen, sind sehr ernst. Seit Samstag harren sie dort aus. Am
kommenden Sonntag wollen sie ihr Zelt wieder abbrechen. Bis dahin nehmen sie nur
stark gezuckerten Tee zu sich. Die Gruppe befindet sich in einem einwöchigen
Solidaritätshungerstreik, der vom türkischen Menschenrechtsverein Tayad
organisiert wird.

Mit ihrer Aktion wollen die AktivistInnen auf die fortdauernden
Menschenrechtsverletzungen in türkischen Gefängnissen aufmerksam machen. "Es wird von
einer Demokratisierung in der Türkei geredet. Doch Hunderte politische Gefangene
sind dort weiterhin total isoliert", meint Cem Deligiz vom Hamburger
Tayad-Büro. Seit dem 20. Oktober 2000 befinden sich Hunderte politische Gefangene in
einem Hungerstreik. Schon 107 Menschen sind gestorben.

Die Fotos der Toten sind auf einer großen Stellwand vor dem Zelt angebracht.
Immer wieder bleiben PassantInnen stehen und blättern in
Informationsbroschüren. "Viele Menschen können nicht verstehen, warum sich die Gefangenen
freiwillig zu Tode hungern. Diese Bedenken kann ich gut verstehen - besonders wenn
sie von Menschen kommen, die nie mit Gefängnis und Isolationshaft
konfrontiert waren", meint Ilse Schwipper. Die Berlinerin hat sich dem einwöchigen
Hungerstreik angeschlossen, weil sie in den Siebzigerjahren in verschiedenen
Gefängnissen in Westdeutschland selber mehr als 6 Jahre in Isolationshaft
verbringen musste. Sie wehrte sich damals mit mehreren Hungerstreiks gegen ihre
Haftbedingungen.

Ihr wurde die Beteiligung an der Ermordung des Berliner
Verfassungsschutz-Mitarbeiters Ulrich Schmücker durch das Kommando "Schwarzer Juni", einer
Untergruppe der "Bewegung 2. Juni", vorgeworfen. Schwipper war Hauptangeklagte des
so genannten Schmücker-Prozesses, der im Januar 1991 nach 17 Jahren mit der
Einstellung des Verfahrens endete.

Schwipper nahm 2000 an einem Kongress über Isolationshaft in Istanbul teil:
"Dort habe ich zwei Frauen kennen gelernt, die mittlerweile im Hungerstreik
gestorben sind. Sie waren so fröhliche Menschen und hätten sicher gerne noch
länger gelebt." Cem Deligiz meint: "Wir wollen mit unserer Aktion verhindern,
dass weitere Gefangene sterben."

Die Hungerstreikenden am Alex werden in den nächsten Tagen mit
Parlamentariern sprechen - und hoffen, dass diese Druck auf die Türkei ausüben.

PETER NOWAK

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