Telepolis vom 26.7.03Wiederauferstehung des RAF-Gespenstes

Peter Nowak
Fast hätte man gedacht, die Rote Armee Fraktion wäre endgültig
Geschichte. Kaum jemand erregte sich mehr über das RAF-Emblem auf
modischen T-Shirts und Taschen. Selbst der HipHopper Jan Delay konnte
sich über das Ende der RAF auslassen [1], ohne dass die Polizei an
seiner Tür klingelte.
1974 besuchte Jean-Paul Sartre Andreas Baader im Gefängnis
Stuttgart-Stammheim. Der greise Philosoph sagt zu Baader, er habe
"aufrichtig versucht, Prinzipien in die Tat umzusetzen".
Doch ausgerechnet diese Woche schien das RAF-Gespenst wieder
auferstanden. Anlass war die Ankündigung einer Ausstellung mit dem
Titel "Mythos RAF", die in der Galerie Kunstwerke [2] in der Berliner
Auguststraße im nächsten Herbst eröffnet und danach in anderen Städten
gezeigt werden sollte. Zu den Finanziers der ambitionierten Exposition
sollte die Bundeszentrale für politische Bildung [3] und der
Hauptstadtkulturfond gehören. Doch nun ist alles wieder in der Schwebe.
Angehörige von RAF-Opfern haben in einem Offenen Brief an das
Bundeskanzleramt scharf gegen die Ausstellung protestiert. Mit
staatlicher Förderung werde einer Glorifizierung der RAF Vorschub
geleistet, urteilten die Kritiker über eine Ausstellung, die noch nicht
einmal über die Planungsphase überwunden hatte. Seitdem tobt der
Meinungsstreit auf den Innenpolitikseiten und den Feuilletons
sämtlicher Medien, der zeigt, dass es hier offenbar noch eine offene
Wunde oder ein Diskussionstabu zu geben scheint.
Es war natürlich auch die Stunde der Populisten aller Parteien.
Unions-Fraktionsvize Friedrich Merz sprach in der Mittwochsausgabe [4]
der Bildzeitung von einem ungeheuerlichen Skandal. FDP-Chef Westerwelle
wollte da nicht nachstehen und versprach den Angehörigen: "Ich werde
mich dafür einsetzen, dass für eine solche einseitige
Auseinandersetzung mit dem deutschen Terrorismus kein Steuergeld
eingesetzt wird." Rupert Scholz, CDU-Politiker und Verfassungsrechtler,
sagte [5], die Zeit des Terrorismus durch die RAF sei bereits
ausreichend kritisch gewürdigt und aufbereitet worden: "Eine
Ausstellung, wie sie hier offenkundig initiiert wird, ist wirklich
nicht zu vertreten. In Wahrheit stellt das einen Skandal dar. Die
Baader-Meinhof-Terroristen waren Kriminelle der übelsten Art. Sie waren
Mörder." Das Thema werde nur mit Kunst "verbrämt" und könne zu einer
"gefährlichen Missdeutung" führen.
Dabei ging es den Ausstellungsmachern und ihren Beratern wie dem
Historiker Wolfgang Kraushaar [6] vom Hamburger Institut für
Sozialforschung [7] keineswegs um eine Glorifizierung der RAF. Ihr Ziel
war allerdings eine Ausstellung, die auch die Motivationen und
Beweggründe thematisiert, die eine ganze Reihe politischer Aktivisten
in den Untergrund trieb.
Die Ausstellungsmacher haben nun schon vor der großen öffentlichen
Auseinandersetzung den Eröffnungstermin um ein Jahr verschoben. Jetzt
wollen sie Kontakt mit den Angehörigen der RAF-Opfer aufnehmen [8].
Warum eigentlich, muss man fragen? Schließlich gibt es hier keine
Staatskunst. Außerdem war jede künstlerische Äußerung zur RAF von
ähnlichen populistischen Aufwallungen begleitet. Erinnert sei nur an
"Die verlorene Ehre Katharina Blum" von Heinrich Böll oder den
Stammheim-Zyklus [9] des Malers Gerhard Richter. Sie wurden damals von
den gleichen Medien und politischen Kräften als Sympathisanten der
Gewalt verunglimpft, die auch heute gegen die Ausstellung agieren.

Links

[1]
http://www.inlyrics.com/display/Jan_Delay_Lyrics/S%F6hne_Stammheims_Lyri
cs/106916.htm
[2]
http://www.kw-berlin.de/
[3] http://www.bpb.de/
[4]
http://www.bild.t-online.de/BTO/news/2003/07/23/raf__ausstellung/raf__au
sstellung.html
[5]
http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-interview-berlin/2546.html
[6] http://www.his-online.de/mitarb/kraushaa.htm
[7] http://www.his-online.de
[8]
http://www.heute.t-online.de/ZDFheute/artikel/4/0,1367,MAG-0-2056676,00.
html
[9]
http://www.onlinekunst.de/februar/09_02_Richter_Gerhard.htm

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