jungen Welt vom 25.04.2003Schwierigkeiten mit der kritischen Reflexion?

Linke Diskussionen im Nahen Osten: Schwierigkeiten mit der kritischen Reflexion?
jW sprach mit der Politikwissenschaftlerin Irit Neidhardt
Interview: Peter Nowak
* Irit Neidhardt ist Herausgeberin des Buches "Mit dem Konflikt leben!? Berichte und Analysen von Linken aus Israel und Palaestina", das kuerzlich im Unrast-Verlag erschien
F: Nach welchen Kriterien haben Sie die Autorinnen und Autoren Ihres Buches ausgewaehlt?
Alle verstehen sich als Linke, die meisten sind Kuenstler und Intellektuelle. Menschen, deren Biographien von dem Konflikt bestimmt sind, egal, wo sie heute leben. Alle sehen in der Ueberwindung des Nationalstaates die Moeglichkeit fuer eine langfristige friedliche Loesung. In der aktuellen politischen Situation unterstuetzen sie die "palaestinensische Sache", um eine Situation herzustellen, auf der beide Konfliktparteien auf gleicher Augenhoehe miteinander verhandeln koennen. Gleichzeitig war allen Autorinnen und Autoren der Ansatz des Buches wichtig, nicht in Israelis und Palaestinenser getrennt zu werden, weil beide Konstrukte die Realitaet nicht wirklich beschreiben. Die Spaltungslinien verlaufen auf einer anderen Ebene. Das wird in den Beitraegen deutlich. Die Texte repraesentieren die fuenf wichtigen Bevoelkerungsgruppen: arabische Juden in Israel, europaeische Juden, Palaestinenser mit israelischem Pass, Palaestinenser in den 1967 besetzten Gebieten und die palaestinensischen Rueckkehrer.
F: Ist es fuer israelische Autoren einfacher, kritisch ueber die Gruendungsmythen Israels zu schreiben, als fuer Palaestinenser, deren Staat sich noch in der Gruendungsphase befindet?
In Europa kennen wir viele kritische Israelis, die aber in Israel eine sehr kleine Minderheit sind. Andererseits gibt es in der palaestinensischen Gesellschaft eine sehr lebendige Opposition, die hier kaum wahrgenommen wird. Berichtet wird fast ausschliesslich ueber die Autonomiebehoerde. Die PLO ist heute nicht mehr vorrangig eine Widerstandsbewegung, einige ihrer Parteien stellen die Regierung, mit allem, was dazugehoert. Natuerlich ist Yassir Arafat eine herausragende Persoenlichkeit. Wenn sich unsere Kenntnis jedoch hauptsaechlich auf das Symbol Arafat beschraenkt, dann wird klar, dass die Wahrnehmung von Palaestina negativ ist. Bei der Frage nach palaestinensischer Kritik am eigenen Regime wird oft vergessen, dass die palaestinensische Gesellschaft eine Gesellschaft im Exil ist, eine Gesellschaft, die dadurch auch einen sehr internationalen Charakter hat. Viele Intellektuelle sind alles andere als romantisch, was die Autonomiebehoerde angeht.
F: Hat die Antisemitismus-Debatte, die in Teilen der deutschen Linken gefuehrt wird, Eingang in das Buch gefunden?
Ich habe vor einigen Jahren ein Buch mitherausgegeben, das sich mit Antisemitismus in der deutschen Linken befasst. Doch diesmal sollte die deutsche Debatte nicht im Vordergrund stehen. Die beiden Themen muessen voneinander getrennt werden. In Deutschland hat ein moerderischer Antisemitismus geherrscht. Im Nahen Osten geht es in erster Linie um einen Kampf gegen eine Besatzungsmacht.

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