09.04.2003Journalisten von USA-Behörde festgehalten und verschleppt
von Jens Klinker und Peter Nowak
- 09.04.2003 15:58

24 Stunden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten
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www.indymedia.org/front.php3?article_id=310096&group=webcast
Um Informationsveranstaltungen zu dem vor einem Jahr niedergeschlagenen
Putsch gegen die linksbürgerliche Chavez-Regierung in Caracas/Venezuela zu
besuchen und darüber zu berichten, wollten wir (2 Journalisten aus
Berlin/Deutschland) am Montag, den 07. April 2003, von Berlin nach Caracas fliegen. Da der
Flug Berlin-Mailand ausgefallen war, wurde uns die Alternativroute
Berlin-London-Miami-Caracas von der Fluggesellschaft zur Verfügung gestellt. Bis zur
Ankunft in Miami gab es keinerlei Probleme. In Miami wurden alle Reisenden wenige
Meter nach dem Ausstieg aus dem Flugzeug einer Paßkontrolle unterzogen. Als
wir kontrolliert wurden, fiel dem Polizisten auf, dass in einem der beiden
Reisepässe ein Irakvisum vermerkt war.
Daraufhin wurden wir zum Einwanderungsbüro gebracht. Wir verwiesen auf
unsere journalistische Tätigkeit und darauf, dass wir gar nicht in die USA
einreisen wollten, sondern die USA nur als Transit zur Weiterreise nach Caracas
nutzen wollten. Dennoch wurden wir wie kriminelle erkennungsdienstlich behandelt
(mehrere Fotos, umfangreiche Fingerabdrücke), ca. 8 Stunden verhört u.a. zum
Irak, zur RAF, zu politischen Dingen (z.B. Verhältnis zu den USA und
Aktivitäten) und es wurden umfangreiche Akten über uns angelegt. Die Polizei
behauptete, dass sie von einen von uns Informationen über linke Aktivitäten besitzen
würde. Hierbei stellt sich die Frage, wie die Amtshilfe zwischen deutschen
und amerikanischen Behörden verlaufen ist.
Der Kontakt zu einem Anwalt, ein Dolmetscher sowie eine Rechtsbelehrung
wurden uns verweigert, ein Telefonat mit dem deutschen Konsulat wurde bewußt erst
zu späterer Stunde zugelassen, so dass dort ein Kontakt ebenfalls nicht
möglich war. Das Verhör fand zwar ohne direkte Folter statt, jedoch wurde bei
mangelnder Kooperation mit weiteren Konsequenzen bis hin zu Gefängnisstrafen
gedroht.
Da sich der Einwanderungsbereich auf neutralem Territorium befindet, handelt
es sich um einen rechtsfreien Raum (zumindest für Einreisende), was die
US-Behörden auch geschickt ausnutzten. Die letzten 16 Stunden (von 24 Uhr bis 16
Uhr) wurden wir zusammen mit Flüchtlingen aus Lateinamerika in einer grell
beleuchteten, fensterlosen Abschiebezelle ohne Betten eingesperrt. Zu Essen gab
es nur kalorienreiche und ungesunde Plastiknahrung.
In einem Telefongespräch mit dem deutschen Konsulat wurde uns mitgeteilt,
dass die US-Behörden machen was sie wollen, und dass sie "ein anderes
Rechtsverständnis als wir in Deutschland" hätten. Anschließend wurden wir zurück nach
London deportiert.
Erst in London wurden uns abgenommene Dokumente zurückgegeben und einem von
uns wurde eine fünfjährige Einreisebeschränkung ausgehändigt, beide bekamen
einen handschriftlichen Vermerk ohne Stempel und Unterschrift in den Reisepass
eingetragen. Unter anderem wurden uns die Rückflug- sowie einige
Hinflugtickets gestohlen. Ebenfalls fehlte bei einem von uns das Verhörprotokoll.
Fazit:
Der Vorfall macht deutlich, dass das US-Herrschaftssystem der Feind aller
freien Menschen weltweit, einschließlich der progressiven Menschen in den USA,
ist. Während die US-Soldaten mit Panzern und Raketen in den Irak eingefallen
sind, wird eine legale Irak-Delegationsreise in Miami als ein Verbrechen
behandelt. Als wir in der Abschiebezelle saßen, sahen wir im Fernsehen, dass zwei
unabhängige Journalisten im Irak durch US-Militärs umgekommen sind und
zahlreiche weitere verletzt wurden. Der Krieg im Irak und der Angriff auf die
Presse- und Informationsfreiheit in Miami sind zwei Seiten der gleichen Medaille.
Meinungen, die kritisch zu der Politik der USA oder anderer Staaten sind,
sind nicht erwünscht.

No border, no nation - fight deportation!
Kontakt:
jens.berlin@gmx.net und peter_nowak@web.de

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