jungen Welt vom 11.06.2003 Schwierigkeiten mit den roten Fahnen?
Polens Linke und die Globalisierungskritiker: Schwierigkeiten mit den roten Fahnen?
Piotr Ikonowicz hat im Jahr 2000 die polnische Sozialdemokratie wegen deren unsozialer Politik verlassen und die Nowa Lewica (Neue Linke) gegruendet, die sich mit einer Delegation an den Protesten gegen den G-8-Gipfel in Evian beteiligte
Interview: Peter Nowak

F: Sie haben sich mit Ihrer Gruppierung an den Protesten gegen den G-8-Gipfel in Evian beteiligt. Wie schaetzen Sie die Antiglobalisierungsbewegung ein?
Wir brauchen eine Globalisierung von unten, um den Nationalismus zu besiegen. Aber unser Hauptgegner ist der Kapitalismus. Also muss es unser Ziel sein, die Antiglobalisierungsbewegung in eine antikapitalistische Bewegung umzuwandeln. Das ist schwierig. Wenn wir als polnische Linke mit roten Fahnen auf Camps der Globalisierungskritiker auftauchen und deswegen verbalen Angriffen ausgesetzt sind, werden diese Schwierigkeiten deutlich.

F: Gibt es in der polnischen Linken nicht ebenfalls starke Vorbehalte gegen rote Fahnen?
Unsere Gruppe arbeitet sowohl mit Trotzkisten als auch mit Anarchisten eng in der Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung zusammen. Das macht deutlich, dass diese Vorbehalte in der Praxis nicht so gross sind. Unser Ziel ist die Vereinigung aller antikapitalistischen Kraefte, egal ob Kommunisten oder Anarchisten.

F: Wo sehen Sie fuer eine neue Linke in Polen eine Perspektive?
Die Sozialdemokratie ist durch ihre Regierungspolitik in der Bevoelkerung total diskrediert. Nur noch knapp zehn Prozent wuerden ihr die Stimme geben. Gleichzeitig sprechen sich in Umfragen mehr 80 Prozent gegen Kapitalismus und soziale Ungleichheit aus. Dort sehen wir unser Potential. Dank unserer erfolgreichen Kampagne gegen ein Gesetz, das Hausbesitzern die Moeglichkeit gegeben haette, saeumige Mieter aus ihren Wohnungen zu werfen, haben wir bei der Bevoelkerung Ansehen gewonnen. Das ist eine wichtige Grundlage fuer unsere weitere Arbeit.

F: Wo sehen Sie fuer die Nowa Lewica weitere Ansatzpunkte?
Neben den Kampf um Mieterrechte beteiligen wir uns an Fabrikbesetzungen. Wir unterstuetzen selbstverwaltete Betriebe. Fuer den herkoemmlichen Wahlkampf haben wir kein Geld. Deswegen fuehren wir unseren Kampf auf der Strasse. Das ist der beste Platz, schliesslich geht ein Grossteil der polnischen Arbeiter nicht zur Wahl, weil sie darin keine Alternative sehen.

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