jungen Welt vom 16.06.2003Mobiles Einsatzteam gegen rechts in Hessen

Im Kampf gegen Neonazis vom Osten lernen?
jW fragte Christopher Vogel, Mitinitiator des ersten Mobilen Einsatzteams gegen Rechtsextremismus in Westdeutschland, dessen Konzept am vergangenen Donnerstag in Kassel vorgestellt wurde
Interview: Peter Nowak

F: Wie entstand die Idee eines mobilen Beratungsteams gegen rechts in Hessen?
Ich bin seit Jahren Mitglied einer Gruppe, die Seminare zu antirassistischen Themen im nordhessischen Raum anbietet. Im Zuge unserer Arbeit zeigte sich jedoch, dass wir viele Anfragen nicht erfuellen koennen, weil uns beziehungsweise unseren Auftraggebern das Geld dafuer fehlt. Dann haben wir von den Beratungsteams in Ostdeutschland erfahren und kamen zu dem Schluss, dass wir in diesem Rahmen mehr Menschen erreichen. Anders als bisher koennen wir kuenftig unsere Seminare kostenlos anbieten, weil uns staatliche Foerdergelder zustehen.

F: Orientieren Sie sich an entsprechenden Projekten in Ostdeutschland?
Wir haben Kontakt zu den Mobilen Beratungsteams in Brandenburg und Thueringen aufgenommen. Aufgrund der raeumlichen Naehe zu Hessen ergeben sich viele Ueberschneidungen mit der Arbeit der Kollegen in Thueringen, wobei es natuerlich auch regionale Unterschiede gibt. Anders als im Osten ist bei uns in Hessen beispielsweise das rechte Konzept der "national befreiten Zonen" kein Thema. Entsprechend koennen wir unseren Schwerpunkt verstaerkt auf den Gedanken der Praevention ausrichten, statt Feuerwehrpolitik zu betreiben.

F: Haben sich die rechten Aktivitaeten in Nordhessen verstaerkt?
Es kommt immer wieder zu Vorfaellen mit rechtsextremistischem Hintergrund auf unterschiedlichen Ebenen. Zu nennen sind etwa Treffen von Neonazicliquen in kleineren Doerfern in Nordhessen, deren Bewohner dem Treiben oft hilflos gegenueberstehen. Auch Uebergriffe auf Migranten oder Neonaziauftritte bei Fussballspielen haben sich gehaeuft. Vor einigen Monaten sorgte ein Anschlag auf das Haus eines antifaschistisch engagierten Lehrers in Kassel fuer Schlagzeilen. Seit inzwischen zwei Jahren mobilisiert eine sogenannte Buergerinitiative mit rassistischen Parolen gegen den Bau einer Moschee in Kassel. Im thueringischen Grenzgebiet zu Hessen will der bekannte Neonazikader Torsten Heise ein rechtes Schulungszentrum aufbauen, das ebenfalls Auswirkungen auf die Situation in Nordhessen haben wird.

F: Was wurde bisher gegen derlei Aktivitaeten unternommen?
Es gab vor allem im Jahr 2000 in Nordhessen Versuche, durch die Etablierung von Runden Tischen den rechten Umtrieben entgegenzutreten. Allerdings haben sich die beteiligten Personen mittlerweile zum Teil wieder anderen Themen zugewandt. Es gibt zwar noch immer Bestrebungen im Kampf gegen rechts, allerdings sind die Massnahmen nicht sonderlich koordiniert, und haeufig fehlt schlicht das Wissen, was rechts ist und was dagegen zu tun ist. Diesem Manko wollen wir mit unserem Projekt begegnen.

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