TAZ vom 12.8.03Aufstand der Anständigen
Weil der "Tagesspiegel" ein Gespräch mit einem Mörder druckte, handelte er
sich scharfe Kritik ein
von PETER NOWAK
Magnus Gäfgen ist zurzeit zweifellos eine Person, mit der man Schlagzeilen
machen und die Zeitungsauflage in die Höhe treiben kann. Der 28-Jährige wurde
Ende Juli wegen der Entführung und Ermordung des Bankierssohns Jakob von
Metzler zu einer lebenslangen Haft verurteilt.
Am letzten Donnerstag kam nun der Mann selbst zu Wort, der bisher Stoff für
so viele Analysen und Mutmaßungen bot. Der Berliner Tagesspiegel
veröffentlichte ein Interview mit Gäfgen. Die Redaktion muss schon geahnt haben, in
welches Wespennest sie damit gestochen hat. Schließlich schrieb sie im Vorspann:
"Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer, Hans Bachl, hat dem
Tagesspiegel ein schriftliches Interview mit dem Verurteilten genehmigt. Weder
Gäfgen noch seine Familie erhalten für das Interview ein Honorar. Wir drucken das
Gespräch mit Gäfgen in voller Länge. Die Antworten fordern zum Widerspruch
heraus. Bei der Schriftform waren aber spontane Einwände oder Korrekturen an
den Aussagen von Jakobs Peiniger nicht möglich. Auch da nicht, wo der Befragte
in Larmoyanz und Selbstmitleid ausweicht."
Tatsächlich ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten. "Interview
mit einem Mörder" lautet der Titel einer Meldung zum Gäfgen-Interview in der
FAZ vom vergangenen Freitag. Im selben Blatt wird in einem mit dem Kürzel V.Z.
für Volker Zastrow gezeichneten Kommentar ein vernichtendes Urteil über den
Tagesspiegel gefällt. "Jetzt bringt eine früher einmal anständige Berliner
Zeitung, nur um Geld zu verdienen, ein Interview mit dem verurteilten Täter, in
dem dieser sich lang und breit über das bittere Leid auslässt, das er nun
erdulden müsse ."
Auch die Opferorganisation "Weißer Ring" sieht in dem Interview mit Magnus
Gäfgen "einen herben Schlag ins Gesicht von Gewaltopfern und ihren
Angehörigen". Der Deutsche Presserat erwartet Beschwerden gegen den Tagesspiegel. Zu dem
Interview wollte man sich daher nicht äußern. Es wird lediglich auf die
Richtlinien des Standeskodex verwiesen. Die sehen vor, dass verurteilten
Straftätern keine Plattform zur Rechtfertigung ihrer Taten gegeben werden soll und
dass Opfer von Verbrechen und deren Angehörigen nicht "unangemessen belastet"
werden dürfen.
Doch diese für Täter-Memoiren geschaffenen Richtlinien treffen auf den
Inhalt des Interviews gar nicht zu. Bei ihrer Empörung sind die Kritiker darauf
gar nicht erst eingegangen. Dabei werden dort einige Einschätzungen
ausgesprochen, die nicht deshalb falsch sind, weil sie von einem verurteilten Mörder
stammen. So kritisiert Gäfgen die Berichterstattung über den Prozess. "Ein
Großteil der Medien hat dieses Bild des Monsters dankbar aufgenommen und
verbreitet." Auch zu der Folterdrohung findet der Jura-Student Gäfgen klare Worte:
"Vielleicht habe ich auch kein moralisches Recht, mich über diesen Justizskandal
zu beschweren; aber jeder rechtsstaatlich denkende Mensch sollte hier sehr
hellhörig werden, welcher Weg hier eingeschlagen wird."
Damit spricht Gäfgen den schweren Polizeiskandal an, der mit seinem Namen
verbunden ist. Der stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident Daschner
wollte ihn durch die Androhung von Folter zu Aussagen über den Verbleib des
entführten Jakob von Metzler zwingen. Als Daschner seine Haltung nachträglich
verteidigte, löste er kurzzeitig eine lebhafte Debatte über die Legitimität von
Folter aus. Dass jetzt ausgerechnet Gäfgen das schnell verdrängte Thema wieder
ansprach, ist wohl ein wichtiger Grund für die harschen Reaktionen. Sie
zeigen gleichzeitig, dass der Gedanke der Resozialisierung auch heute noch längst
nicht sehr verbreitet ist. Ein Straftäter soll allenfalls als reuiger Sünder
um Gnade winseln dürfen. Gäfgen hingegen hat in seinem Interview daran
erinnert, dass auch ein Straftäter unveräußerliche Rechte besitzt. Dazu gehört das
Folterverbot ebenso wie das Recht, sich gegen eine hetzerische
Medienberichterstattung zur Wehr zu setzen.

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