jungen Welt vom 12.06.2003Lohnbetrug auf Berliner Grossbaustelle
19 Afrikaner malochten zwei Monate fuer umsonst. Wohnungsbaugesellschaft weist Vorwuerfe zurueck
Peter Nowak

Schwere Vorwuerfe haben die Brandenburgische Fluechtlingsinitiative (BFI) und die antirassistische Initiative Elexira gegen die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) erhoben. Ihren Angaben zufolge sind 19 Menschen afrikanischer Herkunft fuer Abrissarbeiten in den Berliner Rathauspassagen angeheuert worden. Zwei Wochen haetten sie dort gearbeitet, ihre Arbeitszeit auf Stundenzetteln regulaer abgerechnet, aber von ihrem rechtmaessigen Lohn bis heute nichts gesehen.
Mit einer Demonstration am Mittwoch morgen von der Baustelle zur nahegelegenen WBM-Geschaeftsstelle wurde der Fall nun erstmals in die Oeffentlichkeit getragen. "Nicht Razzien und permanenter Druck auf migrantische Arbeitnehmer sichern bessere Arbeitsverhaeltnisse, sondern Mindeststandards fuer alle Arbeiter und Arbeiterinnen", erklaerte ein Sprecher der Antirassistischen Initiative (ARI) auf der Abschlusskundgebung. WBM-Sprecherin Birgit Stoetzer drueckte in einer Stellungnahme das Bedauern ihres Unternehmens darueber aus, dass der Fall durch die "beteiligte Firma nicht im Sinne der Arbeitnehmer geklaert wurde". Eine Mitschuld ihres Unternehmens wies Stoetzer jedoch zurueck. Die Verantwortung traegt nach ihrer Darstellung die von der WBM beauftragte Abbruchfirma, die den Auftrag ihrerseits an das Neukoellner Unternehmen AK-ER Hochbau GmbH weitergeleitet habe, das allerdings inzwischen pleite gegangen sei. Nachforschungen der ARI haben dagegen ergeben, dass die vermeintliche Neukoellner Abrissfirma lediglich ein auf dem Papier existierendes Subunternehmen dargestellt habe. Die Arbeitsvertraege seien nicht mit diesem, sondern mit dem vom der WBM beauftragten Unternehmen abgeschlossen worden.
Von dem erklaerten "Bedauern" der WBM koennen sich die afrikanischen Arbeiter vorerst nichts kaufen. Die Wohnungsbaugesellschaft weist die Forderung nach Auszahlung der ausstehenden Loehne weiterhin zurueck. Ein Hoffnungsschimmer ist jedoch, dass die WBM auf oeffentlichen Druck hin die Namen der beteiligten Unternehmen preisgegeben hat. Damit erhoeht sich immerhin die Chance der Afrikaner, ihre Loehne vor Gericht erfolgreich einklagen zu koennen. Sechs der Betroffenen haben bereits juristische Schritte eingeleitet. Und auch die Politik wird sich mit dem Fall beschaeftigen muessen. Karin Hopfmann, die fuer die PDS im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, will am heutigen Donnerstag im Rahmen einer Kleinen Anfrage in Erfahrung bringen, wie die Berliner SPD/PDS-Landesregierung das Verhalten der WBM, die immerhin im Besitz des Landes Berlin ist, bewertet.

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