jungen Welt vom 31.03.2003 Der Leiharbeit Tuer und Tor geoeffnet?

Demonstrationen gegen Hartz-Plaene: Der Leiharbeit Tuer und Tor geoeffnet?
jW sprach mit Carsten Frech, Vertreter der Freien Arbeiter Union (FAU) im Berliner Buendnis fuer soziale Grundrechte - Stoppt die Hartz-Plaene
Interview: Peter Nowak

F: Am morgigen Dienstag wird in verschiedenen Staedten gegen die sogenannten Personal Service Agenturen (PSA) demonstriert.
Ja. Am 1. April sollen die PSA bundesweit eingefuehrt werden. Dadurch sollen Arbeitslose in Zukunft verstaerkt in Leiharbeitsverhaeltnisse vermittelt werden, das heisst, sie werden untertariflich bezahlt. In den ersten sechs Wochen koennen sie sogar zum Entgelt des letzten Arbeitslosengeldes verliehen werden. Das ist ein massiver Angriff auf die Rechte von Arbeitslosen und Arbeitern. Deswegen gehen wir an diesem Tag auf die Strasse. Es wird Aktionen in Berlin, Frankfurt/Main, Hamburg und mehreren Staedten im Ruhrgebiet geben.
F: Der DGB hat kuerzlich einen Tarifvertrag mit mehreren Leiharbeitsfirmen abgeschlossen. Konnte dadurch das Schlimmste verhindert werden?
Im Gegenteil. Durch den Abschluss des Tarifvertrags hat der DGB dazu beigetragen, dass der Ausbreitung von Leiharbeit Tuer und Tor geoeffnet wird. Es gibt an der Gewerkschaftsbasis sehr starke Proteste gegen den Kurs der DGB-Fuehrung.
F: Ist durch den Abschluss des Tarifvertrags die Zusammenarbeit zwischen dem Anti-Hartz-Buendnis und Gewerkschaftern erschwert worden?
Da muss man differenzieren. In unserem Buendnis arbeiten auch viele Gewerkschafter mit, die mit dem Kurs ihrer Vorstaende unzufrieden sind. Mit grossen Teilen der DGB-Fuehrung hatten wir hingegen von Anfang an ein Nichtverhaeltnis, und das hat sich nicht veraendert. Das wird auch so bleiben, solange die Gewerkschaftsspitze auf Komanagement statt Klassenkampf setzt.
F: Was ist in Berlin geplant?
Die Demonstration beginnt vor dem Arbeitsamt des Bezirks Wedding, wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist. Die Aktion soll einen ironischen Charakter haben. So fordern wir die umgehende Einfuehrung der 7-Tage-Woche und des 14-Stunden-Tags, die Senkung der Lohnkosten auf zwei Euro und die Bezahlung der Ausbildung durch Organspenden. Gleichzeitig verteilen wir waehrend der Aktion an die Passanten Flugblaetter, mit denen wir ueber die Folgen der neuen Gesetze informieren und Moeglichkeiten zum Widerstand aufzeigen.
F: Wie ist die Resonanz auf die Anti-Hartz-Proteste?
Die Informationsveranstaltungen waren haeufig besser besucht als die Protestaktionen. Das zeigt, dass es bei den Betroffenen ein starkes Informationsbeduerfnis gibt, die Bereitschaft zum Widerstand allerdings noch nicht so weit entwickelt ist.
F: Besteht nicht die Gefahr, dass der Irak-Krieg Ihr Anliegen in den Hintergrund treten laesst?
Die Organisatoren des Protestes verstehen sich als Antimilitaristen. Doch ein sinnvoller Antimilitarismus muss die sozialen Fragen aufgreifen.
F: Wie geht es weiter mit den Anti-Hartz-Protesten?
Am 6. April gibt es in Frankfurt/Main ein bundesweites Vernetzungstreffen. Fuer den 1. Juni ist ein weiterer bundesweiter Aktionstag geplant.
* Die Berliner Demonstration beginnt um 15.30 Uhr vor dem Arbeitsamt Wedding in der Muellerstrasse. Weitere Infos: www.anti-hartz.de

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003]