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Telepolis vom 1.12.03Schwierige Gegenöffentlichkeit
Peter Nowak Den Freien Radios macht die Flaute der sozialen Bewegungen zu schaffen Ein Journalist, der unautorisierte Interviews verwendet, bekommt in der Regel Probleme mit seinem Ressortleiter. Manchmal kann dadurch auch eine Polizeirazzia ausgelöst werden. So geschehen [1] am vergangenen Dienstag im Hamburger Stadtteil Schanzenviertel. Eine dreißigköpfige Polizeieinheit hatte sich Zugang zu den Räumen von Hamburgs Freien Radio fsk verschafft und zeitgleich noch die Wohnung des verantwortlichen Redakteurs durchsucht. Der Grund für den ungewöhnlichen Besuch war ein Interview, dass ein fsk-Redakteur mit einem Sprecher der Hamburger Polizei im letzten Herbst führte. Damals waren während einer Demonstration zum Erhalt der Wagenburg Bambule zwei Menschen festgenommen worden. Das Gespräch wurde mitgeschnitten und einige Tage später unkommentiert ausgestrahlt. Doch der Gesprächspartner der Hamburger Polizei stellte Anzeige gegen Unbekannt, weil das Gespräch nicht autorisiert gewesen sei. Das Ereignis führte beim Kongress des Bundesverband Freier Radios [2] am Wochenende in Berlin zu einem neuen Wir-Gefühl bei den ca. 40 Teilnehmern, die 12 Freie Radios vertraten. "Das kann uns allen passieren, wenn wir unseren Anspruch nach Gegenöffentlichkeit gerecht werden", lautete eine breit unterstützte Einschätzung, Tatsächlich hat das fsk in Hamburg in den letzten Monaten mit stundenlangen Liveberichten über Aktionen gegen Schill und den rechten Senat jene Rolle gespielt, die den Aktivisten der Freie-Radio-Bewegung vor mehr als 20 Jahren vorschwebte [3]. Ein nichtkommerzielles Sprachrohr der Bewegungen sollte es sein. Das fast schon legendäre erste Freie Radio Dreyeckland [4] hat seine Wurzeln im Widerstand gegen das AKW Wyhl bei Freiburg. Doch das Abflauen der sozialen Bewegungen ging auch an den Freie-Radio-Aktivisten nicht spurlos vorüber. Auf dem Kongress am Wochenende wurde immer wieder konstatiert, dass es bei den bestehenden Radios an Mitarbeitern fehlt. Öffentlicher Druck für Neugründungen lässt sich so kaum herstellen. Das wurde schon am Freitagnachmittag bei der Auftaktveranstaltung deutlich. Die Vertreter verschiedener Parteien, die sich zu der Forderung nach einem Freien Radio in Berlin positionieren sollten, blieben fern. Fehlender öffentlicher Druck kann auch durch Lobbyarbeit nicht ersetzt werden. Das machte Markus Beckedahl [5] bei seinen Vortrag über den Weltinformationsgipfel ( WSIS [6]) Mitte Dezember in Genf deutlich ( Kollaps beim Endspurt [7]). Er verstand sich als Teil der NGOs [8], die im Rahmen der Communications Rights in the Information Society ( CRIS [9]) den Gipfelvertretern mit mehr oder weniger Geschick bestimmte Zugeständnisse abringen wollen. Grundsätzlicher Widerspruch ist aber kaum zu erwarten. Radio war das Internet der Zwanziger, das Napster der Achtziger, und ist auch heute noch das beste Medium für jede lokale Szene, um jenseits des Mainstreams Nachrichten zu verbreiten und Musik zu spielen. Reboot.fm baut dabei auf zehn Jahre Internet-Wissen auf und ist somit ganz konkret mit dem Netz verbunden. Das bedeutet mehr als bloss den obligatorischen Live-Stream: es heisst vielmehr, das Netz als ein Werkzeug für dezentrale und kollaborative Formen von Produktion und Austausch zu verwenden Während den Freien Radios die Flaute der sozialen Bewegungen zu schaffen macht, haben sich die technischen Möglichkeiten beträchtlich erweitert. So wurde das Projekt reboot.fm [10] vorgestellt, das das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger aus der Radiotheorie auf den Kopf stellt. Der Hörer könnte dann in Zukunft Musik- und andere Programmwünsche von zu Hause einspielen. So könnte das Freie Radio im Zuge des technischen Fortschritt eine ungeahnte Renaissance erfahren.
Links
[1] http://www.abendblatt.de/daten/2003/11/26/234305.html [2] http://www.freie-radios.de/kongress2003 [3] http://www.freie-radios.de/bfr/charta.htm [4] http://www.rdl.de/ [5] http://www.gruene-jugend.de/_node/personen/1630.htm?pic=0 [6] http://www.itu.int/wsis/ [7] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/15738/1.html [8] http://www.wsis-koordinierungskreis.de/ [9] http://www.crisinfo.org/live/index.php [10] http://reboot.fm/ |