jungen Welt vom 28.04.2003Kommunisten in Venezuela: Revolution ohne Jugend?
jW sprach mit Euro Fario, Chefredakteuer der venezolanischen KP-Zeitung Tribuna Publica und Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Venezuelas
Interview: Peter Nowak, Caracas

F: Welche Rolle spielt die KP Venezuelas in der gegenwaertigen Regierung unter Chavez?
Wir sind Teil der breiten Regierungskoalition, die die Chavez-Regierung unterstuetzt. Das Buendnis umfasst insgesamt fuenf Parteien. Wir sind eine davon. Weil wir nicht sehr gross sind, ist unser Gewicht eher gering. Wir muessen uns in dieser breiten Koalition auch mit vielen antikommunistischen und antimarxistischen Positionen auseinandersetzen. Doch weil wir der Ueberzeugung sind, dass es zur Zeit in Venezuela nicht um die Einfuehrung des Sozialismus, sondern die Verteidigung der bolivarischen Revolution geht, sind und bleiben wir als Kommunisten ein Teil dieser Koalition. Die fuenf Parteien sind sich alle in dem Ziel einig, diese bolivarische Revolution zu unterstuetzen.

Welche anderen Parteien gehoeren zum Buendnis?
Die groesste Fraktion stellen die Chavisten, die sich Bewegung fuer die Fuenfte Republik nennen. Sie sind sich nur in der Unterstuetzung von Chavez einig. Dort gibt es ansonsten die unterschiedlichsten Positionen von weit links bis ganz rechts. Die zweitstaerkste Gruppierung ist die Partei Patria para Todos, die relativ stark in der venezolanischen Arbeiterbewegung verankert ist. Zu dieser Partei haben wir Kommunisten ein relativ gutes Verhaeltnis. Dann gibt es noch eine Partei namens Podemos - Bewegung fuer eine sozialistische Linke, die wir fuer opportunistisch halten, und die Action Democratica, die sich von der venezolanischen Sozialdemokratie abgespalten hat.

F: Kann sich die KP in diesem Buendnis eigenstaendig profilieren?
Wir ueben interne Kritik, wenn die Regierung unserer Meinung nach eine fehlerhafte Politik macht. Doch nach aussen stehen wir hinter der Regierung. Es ist gerade Praesident Chavez, der immer wieder betont, dass auch die Kommunisten zu seiner Regierungskoalition gehoeren. Damit oeffnet er uns Tueren und neutralisiert den Antikommunismus der anderen Parteien.

F: Ist die bolivarische Revolution mehr als eine buergerliche Revolution?
Wir Kommunisten haben diese Frage ausfuehrlich analysiert und sind der Auffassung, dass die bolivarische Revolution ueber eine buergerliche Revolution hinausgeht. Die Gegensaetze zwischen der venezolanischen Regierung und dem US-Imperialismus sind enorm. Der Bezug auf Simon Bolivar hat in Venezuela das Thema der Souveraenitaet des Landes, der Bodenreform und der sozialen Reformen wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Jahrzehntelang wurde Bolivar zwar an seinem Todestag in der Schule geehrt, aber er war eigentlich politisch tot.

F: Welche Rolle spielt die Arbeiterbewegung in Venezuela?
Leider ist die Arbeiterbewegung zur Zeit sehr gespalten, weil ihr teilweise das Klassenbewusstsein fehlt. Das zeigte sich vor einigen Monaten beim Streik in der Oelindustrie. Neben dem Management nahm auch ein Teil der Arbeiter an den Aktionen gegen die Regierung teil. Doch mehr als die Haelfte der Arbeiter verteidigte die Regierung und widersetzte sich dem politischen Streik.

F: Welche Rolle spielt die Jugendarbeit in Ihrer Partei?
Generell ist ein Grossteil der Jugendlichen in Venezuela unpolitisch. Sie sind zwar nicht gegen die Chavez-Regierung und die bolivarische Revolution. Aber sie sind nicht bereit, sie zu verteidigen. Alle linken Kraefte, auch wir Kommunisten, haben hier grosse Defizite und muessen die Jugendarbeit verstaerken. Das wird durch die in den naechsten Monaten geplante Gruendung eines gesamtvenezolanischen Jugendverbandes erleichtert.

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