Telepolis09.11.2003 Kommunismuskongress
Der Kommunismuskongress in Frankfurt fand ohne rote Fahnen und gereckte
Fäuste statt
Peter Nowak
Der Stadtverordnete Wolfgang Hübner [1] vom rechtslastigen
Bürgerbündnis für Frankfurt [2] war empört. Soll etwa mit öffentlichen
Mitteln zum Sturz des Kapitalismus aufgerufen werden? Der gestrenge
Herr konnte beruhigt sein.
Der Kommunismuskongress [3] an der Universität Frankfurt/Main fand an
diesem Wochenende zwar mehrere hundert Zuhörer. Doch wer rote Fahnen
und gereckte Fäuste erwartet hatte, sah sich getäuscht. Auch die Gruppe
KP-Berlin [4], die zu den Mitveranstaltern gehörte, was Hübner
besonders empörte, hat nichts mit einem Arbeiterbewegungsmarxismus
alter Prägung zu tun. Schließlich steht ihr Kürzel nicht für
Kommunistische Partei sondern für Kritik und Praxis. Nach Hübners
Intervention verlor die Gruppierung den Veranstalterstatus. Die
Bundeskulturstiftung [5] hatte mit der Streichung der zugesagten
finanziellen Mittel gedroht. Man habe lediglich mit dem Verein zur
Förderung demokratischer Politik & Kultur [6] einen Vertrag
abgeschlossen, lautete die Begründung.
Allein bei dem Begriff Kommunismus klingeln bei nicht wenigen noch
immer die Ohren. Das war eine durchaus beabsichtigte Provokation der
Veranstalter. Denn eigentlich handelte es sich um einen Kongress über
Kultur und Widerstand, an dem mehr als 80 Philosophen,
Kulturwissenschaftler, bildende Künstler und Schriftsteller ihre Thesen
vorstellten. Den Zuhörern, überwiegend aus dem universitären Spektrum,
blieb in der Regel nach den Verständnisfragen nur noch Zeit für eine
kurze Diskussion. Es ging bei allen Vorträgen um die Reformulierung
linker Politik. Dabei spielten allerdings, was bei einem
Kommunismuskongress eigentlich verwundert, Klassenverhältnisse nur eine
untergeordnete Rolle.
Das Konzept der Biopolitik, dass einst von Michel Foucault [7]
entwickelt wurde, hingegen hatte auf dem Kongress schon wesentlich mehr
Relevanz. "Biopolitik oder soziale Bewegung?" lautete der Titel einer
Diskussionsrunde mit Peter Wahl von Attac [8], der von der
Empire-Lektüre beeinflussten Gruppe 'no spoon' und den autonomen
Colectivo Situaciones [9] aus Argentinien. Doch am Ende stellten alle
nur ihre Konzepte vor, ohne sich besonders an dem Titel mit dem hohen
Anspruch zu stören. Attac- Funktionär Peter Wahl erklärte, in seiner
Organisation habe man sich bisher noch nicht über die Mehrwerttheorie
unterhalten. Das Colectivo Situaciones wiederum kritisierte die Bilder,
die sich viele europäische Globalisierungskritiker von den
Verhältnissen in Lateinamerika machten. Konkreter wurden sie nicht.
Häufig wurden auf dem Kongress interessante Fragestellungen
aufgeworfen, die dann aus Zeitgründen nicht vertieft werden konnten.
Dafür war die Zahl der eingeladenen Referenten einfach zu groß. Wenn es
überhaupt einen roten Faden gegeben hat, dann war es das Konzept der
radikalen Demokratie, die für die Linke und sozialen Bewegungen nutzbar
gemacht werden soll. "Worum sich emanzipatorische Politik heute dreht,
ist die Reaktivierung der unabgegoltenen Potenziale des
Gründungsereignisses der demokratischen Revolution, ist die
Rifondazione der demokratischen Revolution", schrieb Oliver
Marchart [10] in einem Dossier vor dem Kongress. Dafür handelte er sich
heftige Schelte [11] von Theoretikern der Krisis-Gruppe [12] ein, die
zu dem Kongress nicht eingeladen waren.
Kommunismus der Harmlosigkeiten
Aber auch auf den Podien blieb das Konzept der radikalen Demokratie
keineswegs unwidersprochen. So warnte der Berliner Politologe Michael
Heinrich [13] von einem "Kommunismus der Harmlosigkeiten", mit dem man
sich Stellen im Wissenschaftsapparat schaffen könne und der ideologisch
bekämpft werden müsse. Zuvor hatte schon die Frankfurter
Gewerkschaftsaktivistin Nadja Rakowitz [14] daran erinnert, dass
zumindest ein Kommunismus, der sich auf Marx beruft, ohne eine
Umwälzung der Produktionsverhältnisse nicht zu haben sein wird. Dem
widersprach der Frankfurter Philosoph Thomas Seibert heftig. Er
forderte die Verabschiedung von einem Klassenbegriff, der sich
lediglich auf das Proletariat bezieht. Er sprach lieber von den
rebellischen oder gefährlichen Klassen, die er nicht ökonomisch
verorten wollte.
Es fällt auf, dass Referenten und Referentinnen wie Rakowitz, die in
engem Kontakt mit den aktuellen sozialen Bewegungen stehen, eine
stärker auf die aktuellen sozialen Verhältnisse Bezug nehmende Debatte
forderten. Den Gegenpol bildete die Kulturwissenschaftlerin Katja
Diefenbach [15], die nach der Devise vorging, möglichst viele Namen von
mehr oder weniger bekannten Theoretikern und Theoretikerinnen
anzubringen. Die aktuelle soziale Bewegung kam dem Kongress zumindest
am Samstagvormittag fast ins Haus. Nur wenige Meter entfernt von den
Tagungsräumen protestierten Studierende gegen die Kürzungspläne des
hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, der gerade in der Nähe
einen Empfang gab. Zumindest ein Teil der Kongressbesucher entschied
sich in diesem Fall für die praktische Kritik.

Links

[1] http://www.bff-im-roemer.de/1_roemer_stadtv.htm
[2] http://www.bff-im-roemer.de
[3] http://www.indeterminate.de/organisers/?language=deutsch
[4] http://www.kp-berlin.de
[5] http://www.kulturstiftung-bund.de
[6] http://www.indeterminate.de/organisers/?language=deutsch
[7] http://www.momo-berlin.de/Foucault_Vorlesung_17_03_76.html
[8] http://attac.org
[9] http://ww.situaciones.org
[10] http://www.kunstradio.at/BIOS/marchartbio.html
[11]
http://www.krisis.org/e-lohoff_n-trenkle_kommunismus-kongress-2003.html
[12] http://www.krisis.org
[13] http://www.dampfboot-verlag.de/buecher/a79.html
[14] http://www.isf-freiburg.org/beitraege/Rakowitz_Euro.htm
[15] http://www.eipcp.net/diskurs/bio/diefenbach.html

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