Telepolis vom 23.08.03Kein Woodstock auf Rügen

Peter Nowak
Wir schon wieder - Auf dem laut Veranstalter größten Jugendfestival
Deutschlands war von neuer Friedensbewegung nichts zu spüren
Von einem Woodstock auf Rügen konnte wirklich keine Rede sein, als am
vergangenen Wochenende in Prora ca. 15000 Besucher das laut
Veranstalter größte Jugendfestival Deutschlands in diesem Jahr
feierten [1].
Dafür sorgte schon das eher für Gruftipartys geeignete Ambiente.
Schließlich wurde Prora 1938 [2] im Zuge des Programms Kraft durch
Freude [3] vom NS-Regime als Ferienanlage für die Angehörigen der
"Deutschen Arbeitsfront" konzipiert. In der DDR war das Areal
Kasernengelände. Nach der Wende wusste man lange nicht, was man mit dem
herunter gekommenen Gemäuern anfangen soll. Doch mittlerweile hat sich
eine neudeutsche Erinnerungskultur entwickelt. Ein
"Urlauber-Erlebnis-Angebot der besonderen Art" bietet die
KulturKunststatt Prora [4] an. KdF-Bauten und NVA-Museum auf einem
Ticket.
Nicht das die damaligen Zeiten verherrlicht werden. "Die KdF-Bauten in
Prora Denkmal? - Denk mal" heißt es ganz kritisch. So erinnerte das
Jugendevent eher an Friede - Freude - Eierkuchen als an "Kraft durch
Freude". Nicht mal der Hauch von Aufmüpfigkeit durfte erst aufkommen.
Das Nacht-Badeverbot sei weitgehend akzeptiert worden. Jugendliche, die
es trotzdem versuchten, seien darüber hinaus "sehr einsichtig" gewesen,
schwärmten die Organisatoren.
Auch politisch war Pragmatismus Trumpf. Ob Gregor Gysi, Angelika Merkel
oder das Präsidentenpaar Rau, das eigens einen Ferientag auf Rügen
einlegte, alle wurden von den Jugendlichen bestaunt. Doch meist waren
sie nach wenigen Minuten wieder weg, denn schließlich war es am Strand
oder beim Sport interessanter. Auch die zahlreichen uniformierten
Angehörigen von Bundeswehr und Marine waren auf Rügen höchst
willkommen. Kritische Fragen oder gar offenen Widerspruch, wie er noch
in den 90er Jahren auf jedem Kirchentag formuliert wurde, brauchten sie
hier nicht zu befürchten. War da nicht noch vor Monaten überall von
einer Friedensbewegung unter großer Beteiligung der Jugend die Rede?
Krieg oder Frieden wurden auf Rügen ebenso wie Globalisierungskritik
oder Umweltschutz höchstens in Mini-Workshops thematisiert. Dort konnte
sogar ein Kreuzberger Jungautonomer mit Solid-Mitgliedsausweis [5]
seine radikalen Thesen vortragen. So wurde auch die Minderheit der
Jugendlichen eingebunden, die durch das Tragen von T-Shirts mit dem
Konterfei von Che Guevara vielleicht ansatzweise Widerspruch zur
Gesellschaft ausdrücken wollen. Zahlreicher vertreten waren aber die
Motive der Böhsen-Onkelz [6], die sich nach einer halbherzigen
Distanzierung von ihrer rechten Vergangenheit [7] zum Teenager-Idol
entwickelt haben.
Der Rügener Jugendevent war aber nicht nur eine Präsentation der
General Handy. Es war auch ein im Sinne der Veranstalter gelungenes
Beispiel für die Festivalisierung der Standortförderung.
Mecklenburg-Vorpommern tut Gut [8], heißt es schon auf dem Cover des
Veranstaltungsreader. Auf einer Pressekonferenz ließen sich die
Organisatoren lange über die wirtschaftliche Situation in der Region
und die Abwanderungstendenzen aus. Doch daran können noch so viele
Festivals nichts ändern. "Die Jugend von Rügen ohne Zukunft aber mit
Ideen", lautete die Parole auf einem Transparent auf dem Gelände. Ob
das vielleicht sogar kritisch gemeint war?

Links

[1]
http://www.prora03.de
[2]
http://www.dokumentationszentrum-prora.de/html/der_bau_von_prora.html
[3]
http://www.dokumentationszentrum-prora.de/html/_kraft_durch_freude_.html
[4] http://www.wild-east.de/firmen/prora
[5] http://home.claranet.de/solid36/home.html
[6] http://www.onkelz.de
[7] http://www.orb.de/_/klartext/beitrag_jsp/id=26173.html
[8] http://www.mv-tut-gut.de

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003]