Freitag 08/2003Frontstaat wider Willen

Peter Nowak
JORDANIENEin US-Angriff auf Bagdad könnte das Land zerreißen

Die Regierung in Amman setzt sich vehement für eine Friedensmission in
allerletzter Minute ein, schließlich hätte der kleine, zwischen dem Irak und
Israel eingeklemmte Staat durch einen Krieg viel zu verlieren. Über Wochen
andauernde Kampfhandlungen und hohe Opferzahlen bei der irakischen Zivilbevölkerung
dürften für Jordanien höchst destabilisierend wirken. Diese Prophezeiung mag
zur Zeit noch wie eine unbegründete Schwarzmalerei erscheinen, denn in Amman
ist von Kriegsangst oder gar Panik wenig zu spüren.

Während der vergangenen Jahre hat sich die nationale Ökonomie erholt, der
jordanische Dinar avancierte zur werthaltigsten Währung in der Region - und auf
dem Jabal Al Amman, einen der sieben Hügel Ammans, imitiert die
Mittelschicht ein europäisch gefärbtes savoir vivre. Auch in den ärmeren Quartiers hält
sich sichtbare Armut in Grenzen. Selbst die Flüchtlinge aus dem Irak und
Ägypten finden noch ihr kärgliches Auskommen. Obwohl sie oft keine gültigen
Einreisepapiere haben, werden sie von der jordanischen Bevölkerung weitgehend
akzeptiert. Wenn sich das vollbesetzte Teehaus blitzartig leert, kann man sicher
sein, dass die Fremdenpolizei unterwegs ist und vor ihr rechtzeitig gewarnt
wurde.

Inzwischen scheint sich die Haschemiten-Monarchie Reformen nicht mehr
verschließen zu wollen. König Abdullah, der 1999 nach dem Tod seines Vaters Hussein
die Regentschaft übernahm, spricht vom Wandel zur konstitutionellen
Monarchie nach europäischem Raster. Mit einer PR-Kampagne wird an den Patriotismus in
der Bevölkerung appelliert. »Jordanien zuerst!« lautet der Spruch auf
ungezählten regierungsoffiziellen Plakaten. Ein Slogan, der mehr innenpolitischen
Sprengstoff birgt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Rund 60
Prozent der knapp drei Millionen Jordanier sind Palästinenser, sie kamen nach den
Kriegen von 1948 und 1967 aus den von Israel eroberten Gebieten und besitzen
größtenteils die jordanische Staatsbürgerschaft, vollwertige Staatsbürger
sind sie deswegen noch lange nicht.

In den 17 Flüchtlingscamps, die vorwiegend in der Umgebung von Amman liegen,
ist den Menschen jede politische Betätigung untersagt. Sämtliche
palästinensische Organisationen sind verboten. Jeder Demonstrationsversuch wird von der
Polizei mit Knüppeln und Tränengas sowie Massenverhaftungen beantwortet.
Schon ein kritischer Artikel kann zu einer Festnahme führen. Vor diesen
Hintergrund klingt die Parole »Jordanien zuerst!« in den Ohren vieler Palästinenser
eher wie eine Drohung. Die Älteren können sich noch an die Zeit von 1970/71
erinnern, als bei Kämpfen zwischen der jordanischen Armee und Yassir Arafats
Fatah Tausende Palästinenser ums Leben kamen. Heute wird ungern an diese blutige
Episode erinnert. »Das ist nun einmal geschehen und nie wieder rückgängig zu
machen«, erklärt die in Amman lebende Aktivistin der Volksfront für die
Befreiung Palästinas (PFLP) Leila Khaled. Unverkennbar passen die von den
»jordanischen Brüdern« angerichteten Verbrechen nicht ins Kalkül des
palästinensischen Willens zum Konsens.

In den Camps träumt man noch immer von der Rückkehr in Dörfer, die teilweise
vor einem halben Jahrhundert verlassen wurden. Jeder Zweifel an der
Verheißung dieses Traums, wird als Beleidigung empfunden. »Unser unverbrüchliches
Recht geben wir nicht auf«, heißt der Standardsatz, um jeden Einwand abzuwehren.
In einer solchen Atmosphäre fällt auch die pro-palästinensische Rhetorik
eines irakischen Präsidenten auf fruchtbaren Boden. Viele sehen in Saddam einen
Propheten der arabischen Einheit, der von den USA nur deshalb bestraft wird,
weil er sich nicht unterwirft.

»Unser Land ist zum Helfershelfer der israelischen Regierung geworden«.
Diese Meinung vertreten nicht etwa islamistische Fundamentalisten, sondern oft
auch Menschen, die in den USA oder Großbritannien studiert haben und perfekt
Englisch sprechen. Viele von ihnen haben sich in den
»Antinationalisierungskomitees« organisiert, die Mitte Dezember von der Regierung verboten wurden. Dort
wandte man sich gegen die prowestliche Außenpolitik Ammans. Besonders das
1994 zwischen Jordanien und Israel abgeschlossene Friedensabkommen wurde
vehement abgelehnt. Auch die 15 industriellen Sonderzonen, die mit israelischem
Kapital in Jordanien aufgebaut wurden, sind in der Bevölkerung nicht beliebt.
»Diese Zonen nützen nur Israel. 20 Prozent der Rohstoffe müssen laut Gesetz aus
Israel importiert werden, während der jordanische Staat für die
Infrastruktur zu sorgen hat«, monieren die Kritiker.

Auch die Checkpoints, die in der Nähe der palästinensischen Grenze
eingerichtet wurden, um den Waffenschmuggel in die Westbank zu verhindern, stoßen auf
Ablehnung. Man hört schließlich jeden Tag, wie die israelischen Flugzeuge
palästinensische Siedlungen bombardieren. Die Verbitterung und Wut gerade unter
der jungen Generation wächst. Viele Beobachter befürchten, ein US-Angriff auf
Bagdad könnte das Land zerreißen. Die Ereignisse im kleinen südjordanischen
Maan dürften dafür ein Vorgeschmack gewesen sein. Dort löste im Dezember die
Verhaftung mehrerer Stammesmitglieder tagelange Kämpfe zwischen der Armee und
großen Teilen der Bevölkerung aus. Die Verhafteten wurden beschuldigt,
Waffen in die palästinensischen Autonomiegebiete geschmuggelt zu haben. Gerade
deswegen genossen sie viel Sympathie.

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003]