TAZ vom 11.6.03Das Echo der Euphemismen
Der Kulturwissenschaftler Ivan Nagel greift die Rolle der Medien bei der
Berichterstattung um die "Agenda 2010" an. Schönfärbereien wie "Ich-AG" würden
eine neoliberalen Gleichschaltung fördern
von PETER NOWAK
Mancher Leser der Süddeutschen Zeitung (SZ) wird sich am 30. Mai gefragt
haben, ob er vielleicht die falsche Zeitung erwischt hat. Ging doch an diesem
Tag der Kulturwissenschaftler Ivan Nagel in einen im Feuilleton abgedruckten
Essay hart mit den deutschen Medien ins Gericht.
Sie seien seit zehn Monaten im Verein mit der CDU/CSU und
Wirtschaftsverbänden erfolgreich dabei, Kanzler und Kabinett rabiat weich zu klopfen, um eine
neoliberale Gleichschaltung unseres sozialen Lebens und Umgangs zu erzwingen,
lautet seine Kernthese.
"Von ARD bis RTL, vom Wirtschaftsteil der SZ und FAZ bis zur Bild-Zeitung
wurden die immergleichen extrem liberalen Dogmen vorausgesetzt und uns
eingehämmert. Alternativen prangerte man schon durch die Wortwahl an." Im Detail
widmet sich der sozial engagierte Intellektuelle Nagel dann bestimmten
Wortschöpfungen, die seiner Meinung nach, die Notwendigkeit der Sozialkürzungen in den
Medien legitimieren sollen.
Auch der Begriff "Sozialreformen" selbst gehöre in das "Falschwörterbuch der
Sozialreformen". Die in häufig strapazierten Worthülsen von der
"Flexibilisierung des Arbeitsmarktes", der "Senkung der Lohnnebenkosten" und der
"Differenzierung der Lohnstrukturen", ohne die heute kaum ein Wirtschaftsredakteur
auskommt, sollen laut Nagel eine Politik des sozialen Kahlschlags und des
Abbaus sozialer Rechte legitimieren.
Nagels Intervention sorgte sogleich für Aufregung bei der SZ. Schon drei
Tage später distanzierte sich der SZ-Feuilletonchef Nikolaus Piper von seinem
Gastautoren. Unter der Überschrift Lügen und Denkverbote warf er Nagel vor, "in
der schlechten Tradition der deutschen Intellektuellen, ,die Wirtschaft' als
einen der Gesellschaft fremden, wenn nicht gar feindlichen Bereich zu
betrachten".
Auf Zustimmung hingegen stieß Nagel bei Gewerkschafts- und
Arbeitsloseninitiativen. Anfang Juni hatte die Gewerkschaft Ver.di die erste Podiumsdiskussion
mit dem Medienkritiker organisiert. Dabei wurden allerdings auch die
Schwächen des mit großer persönlicher Verve vorgetragenen Streitschrift deutlich.
Haben die Medien wirklich einen so großen Einfluss auf die Weddinger
Arbeiter, mit denen Nagel am Stammtisch diskutierte? "Ich ging im Wedding, Berlins
Arbeiter- und Kleinbürgerkiez, in drei verschiedene Kneipen und sprach an der
Theke mit Stammgästen. Nebenbei ließ ich fallen, die ,rot-grüne
Arbeitslosigkeit' (BZ) sei 1997, im letzten Jahr der Regierung Kohl, höher als heute
gewesen. Einige lachten mich als Spinner aus, andere wandten sich grimmig ab; sie
erkannten mich als Ex-DDR-Agitator. Geglaubt hat keiner von den Arbeitern,
Arbeitslosen, was ich sagte - was die Statistik sagt."
Auffällig auch, dass Nagel die rot-grüne Bundesregierung lediglich als von
den Medien Getriebene sieht, als wären nicht viele Kürzungspläne in ihren
Amtsstuben entwickelt worden. Nagel geht auch weitere kritische Stimmen ein, die
wie beispielsweise der langjährige Chefredakteur der Frankfurter Rundschau,
Roderich Reifenrath, ebenfalls die "FDPisierung der deutschen
Presselandschaft" beklagen.
Wenig liest man bei Nagel auch über Gründe für die von ihm beklagten
Zustände. Da wäre darauf hinzuweisen, dass die Anzeigenkunden großer Zeitungen in
erster Linie Unternehmer und nicht Gewerkschaftler sind. Diese Erfahrung musste
schon in den Siebzigerjahren ein gewisser Manfred Bissinger machen, als er
wegen seiner wirtschaftskritischen Berichte seinen Posten als
Stellvertretender Chefredakteur der Illustrierten Stern räumen musste

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