berliner stadtzeitung scheinschlag
Ausgabe 1 - 2003
6. Februar bis 5. März 2003

scheinschlag02/03Wir brauchen hier alles ­ nur keinen Krieg
Streifzüge im "Reich des Bösen"
"Du fährst in den Irak?" Ungläubig wird man angeschaut, wenn man dieses
Reiseziel im Freundeskreis bekanntgibt. Auch der aufgeklärte Zeitgenosse, der
sich seine tägliche Propagandadröhnung nicht aus der Springerpresse holt, muß
doch arg schlucken, wenn man ihm sagt, daß man gerade in jenes Land fahren
will, das seit Monaten unangefochten den ersten Platz der Hitliste der
"Schurkenstaaten" anführt. Man macht sich zwar lustig über die doch recht plumpe
Kriegspropaganda. Aber selber hinfahren und den Menschen in die Augen sehen, die
demnächst vom Pentagon als militärische Ziele ausgewählt werden könnten, das
will man dann doch nicht. Schließlich ist eine Reise nach Bagdad in diesen
Tagen auch nicht so unbeschwerlich, wie es Touristen heute gewohnt sind. Das
Embargo macht Direktflüge unmöglich. Nur über die jordanische Hauptstadt Amman,
eine der Drehscheiben im Nahen Osten, kann man Bagdad sowohl per Bus als auch
per Flugzeug erreichen. Auf der Hinfahrt entscheiden wir uns für die
schnellere Variante.

Der erste Eindruck im "Reich des Bösen" ist beinahe enttäuschend banal. Ein
heller, moderner Flughafen, der in Fragen des Komforts und der Geräumigkeit
mühelos mit Tegel oder Schönefeld konkurrieren könnte, empfängt die wenigen
Passagiere. Dezente Musik läßt die Zeit bei der Visumausgabe schneller
vergehen. Nicht ganz so diskret, aber auch nicht besonders bemerkenswert ist das
Portrait von Staatschef Saddam Hussein, nach dem der Flughafen auch benannt ist.
Schnell sind die Formalitäten erledigt. Jetzt müssen nur noch sämtliche
Handys numeriert und eingesammelt werden. Der Irak ist eines der wenigen Länder,
in denen die Benutzung von Mobiltelefonen nicht möglich ist. Obwohl die
Aufforderung, sein Handy abzugeben, sehr bestimmt vorgetragen wird, bleibt die
Nichtbeachtung ohne Folgen. Mein Handy zumindest bleibt während des gesamten
Irak-Aufenthalts im Rucksack. Ich will mir ja nicht hinterher vorwerfen lassen,
mich den Bestimmungen einer Diktatur gebeugt zu haben.

Dann geht es ins Rashid-Hotel. Für nicht wenige Mitreisende ist es ein
Kulturschock, in dieser Luxusherberge zu übernachten. Das wird nur leicht
gemildert durch die Gelegenheit, Bush senior, den obersten Befehlshaber der USA im
letzten Golfkrieg und Vater des jetzigen US-Präsidenten, mit Füßen zu treten.
Sein Konterfei prangt auf einem großen Fußabtreter am Hoteleingang. Livrierte
Diener immer und überall, die einem mit serviler Freundlichkeit die
Fahrstuhltür aufhalten. Das Untergeschoß ist weihnachtlich geschmückt, schließlich
feiern hier die wenigen Auslandsjournalisten das Weihnachts- und Neujahrsfest.
"Den Kontakt zur Bevölkerung finden wir hier sicher nicht", scherzt ein
Mitreisender.

Doch schon am nächsten Tag steht ein Bad in der Menge auf dem Programm. Wie
eine offizielle Staatsdelegation, vorneweg ein Jeep mit Blaulicht, geht es
nach Saddam-Stadt, dem Armenstadtteil von Bagdad. In den letzten Jahren wurden
hier vor allem Schiiten aus dem Süden des Landes angesiedelt, so daß sich die
Einwohnerzahl des Stadtteils stark erhöhte. Selbst aus dem Bus ist die Armut
der Bevölkerung zu sehen. Viele Kinder laufen trotz der gewiß nicht
sommerlichen Temperaturen barfuß über die staubigen Wege. Am Zielort erwartet uns
eine große Menschenmenge. Wir sind kaum ausgestiegen, schon werden Parolen
skandiert. "Saddam, Saddam, unser Blut geben wir für dich", werden sie uns
übersetzt. Dazu schwenken sie kleine Bilder des irakischen Staatschefs.
Offensichtlich hat man Schulklassen aufmarschieren und Zustimmung zum Regime zelebrieren
lassen. Bemerkenswert nur, daß die älteren Jugendlichen keine Parolen
skandieren und die ganze Szenerie eher amüsiert beobachten.

Den Kontrast zu Saddam-Stadt erlebt man in der Innenstadt von Bagdad. Die
Regierungsmeile kann es an Luxus durchaus mit jeder europäischen Stadt
aufnehmen. In bemerkenswerter Eile hat das Land die Schäden aus dem ersten Golfkrieg
beseitigt. Der Saddam-Turm, Stadion und Paläste sind auch nachts hell
angestrahlt. Hier häufen sich die Konterfeis des Staatschefs, der auch sonst an
allen Ecken und Plätzen in unterschiedlichen Posen zu betrachten ist. Mal sieht
man ihn in Uniform als obersten Befehlshaber, ein paar Kilometer weiter im
weißen Anzug mit Friedenstaube. Auch das Fernsehen hat abends zur besten
Sendezeit Saddam Hussein im Programm. Geduld und Humor muß der Zuschauer schon
mitbringen. Ca. 20 Minuten lang kann man verfolgen, wie eine Reihe von Militärs
dem Staatschef huldigen, Hofknicks und Umarmung inklusive. Nach dem Ende der
Zeremonie setzen sich alle an einen runden Tisch und konferieren. Anschließend
wird ein erstaunlich modernes Lied zur Lobpreisung Saddams eingespielt und
Bilder von Massenaufmärschen gezeigt.

In vielen Gegenden des Irak müssen die Bewohner allerdings auf die
alltägliche Saddam-Sendung verzichten, weil sie schlicht kein Fernsehgerät besitzen.
Die Menschen in Basra im Südirak haben auch ganz andere Sorgen. Alltägliche
Stromausfälle und Schlangestehen für die lebenswichtigen Dinge des Alltags
bestimmen ihr Leben. Die Spuren der letzten Kriege sind allgegenwärtig. Viele im
Iran-Irak-Krieg zerstörte Häuser wurden nicht wieder aufgebaut. Dafür wurde
den in diesem Krieg gefallenen Militärs ein Denkmal gesetzt. Am Ufer des
Schatt-el-Arab sind die Soldaten in Lebensgröße als Denkmäler aufgereiht. Mit dem
Finger zeigen sie auf die andere Seite der Küste, wo das iranische Gebiet
beginnt. So als wollten sie zeigen: "Ihr seid schuld!"

Doch noch gegenwärtiger ist der Krieg zwischen den USA und dem Irak Anfang
der neunziger Jahre. Im Mutter-Kind-Spital von Basra kann man ein besonders
perfides Erbe des Krieges betrachten. Die Anzahl der Leukämieerkrankungen hat
sich seit 1991 im Süden des Irak verfünffacht. Drei Prozent aller Neugeborenen
haben schwerste Mißbildungen. Nicht nur irakische Mediziner sehen in dem
gehäuften Auftreten von Leukämie und Mißbildungen Spätfolgen der ca. 300 Tonnen
Uranmunition, die vom US-Militär in der Gegend um Basra eingesetzt wurde.
"Wir können nur Schmerzen lindern. Doch retten können wir die Kinder nicht",
meint ein Arzt resigniert. Dabei gäbe es Medikamente, die das Leben vieler
dieser Patienten retten oder zumindest verlängern könnten. Wegen des Embargos
dürfen sie in den Irak nicht eingeführt werden. Auch die von dem österreichischen
Hilfsprojekt "Aladdins Wunderlampe" gekauften Zentrifugen zur Blutreinigung
wurden von der Embargokommission auf Druck der USA zurückgehalten. So können
die bei Leukämieerkrankungen lebenswichtigen Maßnahmen der Blutreinigung
nicht durchgeführt werden.

In der Wüste rund um Basra liegen noch unzählige ausgebrannte Panzer. "Auf
dem fluchtartigen Rückzug aus Kuwait wurden sie von der US-Militärmaschinerie
abgeschossen wie die Hühner", erzählt ein Bewohner der Gegend, "die Zahl der
Toten ging in die Zehntausende. Fast jeder hat hier Angehörige verloren". Um
so erstaunlicher, wie scheinbar gleichmütig die Menschen hier angesichts der
neuen Kriegsdrohungen gegen das Land leben und arbeiten.

"Die Menschen hier haben keine Angst. Sie kennen den Krieg", erklärt uns der
irakische Vizepräsident Tarik Asiz. Er hatte mehrere ausländische
Delegationen zu einer Audienz in einem Bagdader Hotel geladen. Es war klar, daß das
Regime einen Propagandaauftritt inszenierte. Erheblich näher als das Statement
des Vizepräsidenten kam man der Realität, wenn man mit der Bevölkerung ins
Gespräch kam. So meinte ein alter Mann, der uns in einem Teehaus in Bagdad
freundlich begrüßte: "Wir müssen hier leben. Wir haben keinen anderen Ort, wo wir
hingehen können." Und er fügt hinzu: "Wir brauchen hier alles, nur keinen
Krieg."

Peter Nowak

> Der Autor steht für Veranstaltungen zum Irak zur Verfügung (Kontakt über
die scheinschlag-Redaktion)

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