jungen Welt vom 28.01.2003Wir bleiben in Bewegung
Gegen NGOisierung: Josef Hierlmeiers Streifzug durch die Ideengeschichte des Internationalismus
Peter Nowak

Nicht nur durch die Erfolge des Weltsozialforums in Porto Alegre kann sich Josef Hierlmeier bestaetigt sehen. Der langjaehrige Aktivist des Lateinamerikakomitees Nuernberg und der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) hat sein aktuelles Buch mit folgendem Satz begonnen: "Eine neue internationale Bewegung ist im Entstehen und gewinnt an Bedeutung (...) Diese neue Bewegung ist derzeit diffus und heterogen, was kein Nachteil ist. Im Weltsozialforum von Porto Alegre, im Widerstand der Zapatisten in Mexiko, in der internationalen Kleinbauernbewegung Via Campesina, bei Peoples Globale Action, bei den Euromaerschen, beim BUKO und bei ATTAC ist das Neue schon sichtbar".

Jenseits von Besserwisserei und ausgestattet mit dem kritischen Realismus eines langjaehrigen Aktivisten beschreibt Hierlmeier die neue, noch diffuse Bewegung. Mit seinem ideengeschichtlichen Abriss des Internationalismus in der BRD liefert er eine hervorragende Ergaenzung zur chronologischen Geschichte der "Dritte-Welt-Bewegung in der Bundesrepublik", die Werner Balsen und Karl Roessel Mitte der 80er Jahre herausgegeben haben.

Kritisch setzt sich Hierlmeier mit der in vielen Texten der Neuen Linken der fruehen 70er Jahre zu beobachtenden Gleichsetzung der USA mit dem Naziregime auseinander. Ausfuehrlich geht der Autor auch auf das Verhaeltnis der Neuen Linken zu Israel ein. Obwohl er manches Statement der Neuen Linken zu Israel zu Recht als antisemitisch qualifiziert, beharrt er auf dem Unterschied zwischen Antizionismus und Antisemitismus. Am Beispiel von Ulrike Meinhof beschreibt er, wie kurz der Weg von der bedingungslosen Verteidigung Israels zu der totalen Verdammung sein kann. Bis 1967 forderte die Konkret-Kolumnistin Meinhof die unbedingte Solidaritaet mit Israel ein. In Texten aus der Illegalitaet will sie im israelischen Verteidigungsminister Moshe Dayan den "Himmler Israels" erkannt haben. In der Tat "das schwaerzeste Kapitel in der Geschichte des Internationalismus" (Hierlmeier).

Vor dem Hintergrund der Krise des keynesianischen Wirtschaftsmodells dokumentiert der Autor die Veraenderungen in der Internationalismusdiskussion in den 80er Jahren. Schuldenkrise und oekologische Bedrohungen bestimmten in dieser Zeit den Diskurs. Durch den Sieg der Sandinisten in Nikaragua erlebte die Internationalismusbewegung in der BRD noch einmal einen kurzen Aufschwung. Deren Wahlniederlage empfanden viele Aktivisten der Solidaritaetsbewegung als persoenliche Niederlage. Das war laut Hierlmeier nur einer von vielen Faktoren fuer eine Pazifizierung und Entpolitisierung der Bewegung, die in den 90er Jahren einsetzte. "Mit den Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bestimmten neue politische Akteure die politische Szenerie. (...) Nicht mehr die Kritik der herrschenden Institutionen stand im Vordergrund, sondern der Versuch, ueber die gesellschaftlichen Kraefte einen Politikwechsel zu erreichen."

Hierlmeier gehoerte im BUKO-Arbeitskreis Weltwirtschaft zu den entschiedensten Kritikern der NGOisierung der Protestbewegung. In den Aktionen der Globalisierungskritiker sieht er eine Rehabilitierung des Protests mit offenem Ausgang. "Ob Seattle schon die Wende zur neuen GAPO (globale ausserparlamentarischen Opposition) war, zu einer Neuen Internationale (Derrida), die vielleicht das Noch-nie-Dagewesene realisiert, wird die Zukunft zeigen." Hierlmeiers Buch kann vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten, damit die neuen Bewegungen die alten Fehler nicht wiederholen.

* Josef Hierlmeier: Internationalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2002, 180 Seiten, 10 Euro

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