Telepolis25.05.2003Globalisierungskritiker gnadenlos seziert

Peter Nowak

"Spiel ohne Grenzen" zeigt die linke Unfähigkeit zur Debatte

Es war in der letzten Zeit still geworden um die
globalisierungskritische Bewegung, die noch vor 2 Jahren mit den
Massenprotesten von Genua und Göteborg für Aufsehen gesorgt hatte. Die
Proteste gegen den G8-Gipfel im französischen Evian haben längst nicht
mehr die Dynamik wie die Mobilisierungen im Sommer 2001.
Vielleicht könnte der Rückgang der Bewegung auch daran liegen, dass die
Inhalte der globalisierungskritischen Bewegung oft diffus und
verschwommen sind und gelegentlich sogar ein Einfallstor für
reaktionäre und strukturell antisemitische Politikmuster bieten? Das
zumindest ist die Fragestellung des Kongresses Spiel ohne Grenzen [1],
der am Freitagabend in der Münchner Universität mit einem Referat des
Konkret-Herausgebers Hermann L. Gremliza [2] begonnen hat.
Bis Sonntag sezieren Referenten, vornehmlich aus dem antideutschen,
antinationalen und kulturlinken Spektrum, Theoriebausteine der
Antiglobalisierungsbewegung. Vieles davon hat man schon in
Zeitungsaufsätzen oder Büchern gelesen, doch eine solch kompakte Kritik
an den Globalisierungskritikern gab es wohl bisher selten.
Eine verkürzte, weil personifizierende Kapitalismuskritik mit
Anschlussstellen zum Antisemitismus attestiert der österreichische
Publizist Thomas Schmidinger großen Teilen der Bewegung. Zu ähnlichen
Schlussfolgerungen kommen auch Mitarbeiter der Zeitschrift Phase2 [3]
bei ihrer Analyse der mit den Globalisierungskritikern eng verbundenen
deutschen Antikriegsbewegung, der sie Antiamerikanismus unterstellen.
Immerhin stellen sie noch die Frage, "inwieweit Antiamerikanismus
'teilbar' in richtige und falsche Kritik ist". Der Münchner Publizist
Peter Bierl kommt am Ende seines Beitrags [4], in dem er einen Teil der
prominenten Globalisierungskritiker wie Maria Mies, Susan George und
Vandana Shiva etwas bemüht in die Esoterik-Ecke schiebt, zu einer
sicher zutreffenden Einschätzung.
Vermutlich entwickelt sich die neue Bewegung wie die ehemalige
Ökologiebewegung: Die Linke verhindert, wenn sie es denn will, eine
Wendung nach Rechtsaußen, ein paar Reformen werden durchgesetzt und
einige Prominente landen auf Ministersesseln.
Doch auch linke Theoriepäpste traten auf, die begründungsfrei ihre
Wahrheiten verkündeten. So postulierte der Mitarbeiter der
antideutschen Postille Bahamas [5], Stephan Grigat:
Die Solidarität mit Israel bedarf keiner großartigen Begründungen. Sie
hätte eine Selbstverständlichkeit zu sein.
Sein Bahamas-Kollege Fabian Kettner belehrt all jene, die dem von Toni
Negri und Michel Hardt herausgegebenen Buch "Empire" ( Die
Globalisierer blockieren die Globalisierung [6]) positive Seiten
abgewinnen können: "Man muss nicht viel wissen oder gelesen haben, um
dieses Buch als schlecht beurteilen zu können". Vorher muss das
Autorenduo auch noch in die Nähe des Faschismus gebracht werden [7]
werden.
Schon im Vorfeld hat die Einladungspolitik der
Kongress-Vorbereitungsgruppe starke Kritik ausgelöst [8]. Im Internet
kursierten sogar Aufrufe, den Kongress zu stören [9], weil sich einige
Referenten aus dem Bahamasumfeld eindeutig hinter die US-Kriegspolitik
gegen den Irak gestellt hatten. Einige Referenten sagten daraufhin ihre
Teilnahme [10] ab.
Wir verstehen uns nicht explizit als antideutsch, beschäftigen uns
allerdings auch mit Fragestellungen, die durch diese Strömung
aufgeworfen worden sind,
erklärte Torsten Weber von der Vorbereitungsgruppe.
Der Kongress hat neben manch erhellender Kritik an den
Globalisierungskritikern in erster Linie deutlich gemacht, dass man zu
einer argumentativen Debatte nicht willens oder in der Lage war. Dann
hätte man zumindest einige der Kritisierten zum intellektuellen
Schlagabtausch auf das Podium bitten müssen.

Links

[1] http://www.spiel-ohne-grenzen.org
[2] http://www.konkret-verlage.de/kvv/kvv.php
[3] http://www.phase-zwei.org
[4] http://jungle-world.com/seiten/2003/21/934.php
[5] http://www.redaktion-bahamas.org
[6] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/buch/12167/1.html
[7] http://www.rote-ruhr-uni.org/texte/kettner_empire.shtml
[8] http://www.giga.or.at/others/krisis/r-kurz_das-spiel-ist-aus.html
[9] http://www.germany.indymedia.org/2003/04/48952.shtml
[10] http://www.jungewelt.de/2003/05-24/018.php

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