TELEPOLIS 02.02.2003Schöne neue Genwelten

Peter Nowak

Vom Verschwinden der Kritiker der Gentechnologie

Die Gentechnologie ist mittlerweile aus unserem Alltag genau so wenig
weg zu denken wie ein Computer. Auf dem medizinischen Sektor gehören
Patientenorganisationen oder Selbsthilfegruppen sogar häufig zu den
Schrittmachern bei gentechnologischen Forschungsprojekten. Teilweise
beteiligten sie sich in der Hoffnung auf lebensrettende Medikamente
sogar finanziell an entsprechenden Forschungen. Auch in der
Gesundheitsvorsorge und der vorgeburtlichen Diagnostik haben sich schon
längst mächtige Lobbyorganisationen etabliert, die vehement für eine
ungebremste Genforschung eintreten.

Noch vor einem Jahrzehnt hätten wohl selbst stärksten
Gentechnik-Befürworter eine solche Entwicklung nicht zu prognostizieren
gewagt. Bis Ende der 80er Jahre bestimmten nämlich eher die Kritiker
auf dem Gebiet der Gentechnologie den öffentlichen Diskurs. Heute sind
es vor allem die christlichen Kirchen, die als Bedenkenträger auf dem
Gentech-Sektor wahrgenommen und wenig ernst genommen werden. Die
Gentechnologie hat sich in der Meinung erfolgreich als modern, sexy und
nützlich zu verkaufen verstanden. Das gelang er ihr so gut, dass heute
gerade bei jüngeren Menschen die Tradition der linken
Gentechnikkritik [1] kaum mehr bekannt ist.

Die Herausgeber des vor wenigen Wochen im Verlag b_books [2]
erschienenen Buches Angewandte Genetik -Gene zwischen Mythos und
Kommerz [3] stellen die Frage nach den Ursachen für den Umbruch im
öffentlichen Diskurs. Die Autoren sehen in erster Linie hausgemachte
Gründe für diese Entwicklung. Das naturromantisch motivierte Unbehagen
an Genmanipulation sei zu Recht zunehmend in die Kritik geraten, so der
Befund des Autorenquartetts. Ein neues Natur-Technik-Verhältnis sei in
den letzten Jahren hegemonial geworden.

"Mit dem Boom der Neuen Medien bildete sich auch in Szenen und
Subkulturen neue Verhältnisse zu 'Natur', Technik und Körper heraus. Im
Zuge dessen konnte sich ein genetisches Wissen mehr und mehr als
Alltagswissen in die Gesellschaft einschreiben und den vorherrschenden
Begriff von Gesundheit umwerten."

Diese Veränderungen werden unter den Stichworten Technologietransfer,
Neue Biomedizin, Gentests und Bevölkerungsscreening [4] genauer
untersucht. Auch auf die ökonomische Seite wird ausführlich ergangen.
Das Schlagwort "Vom Labor an die Börse" drückt aus, wie lukrativ die
Genforschung mittlerweile ist. Längst wird der Großteil der Forschung
nicht mehr in Konzernzentralen, sondern in kleinen Startup-Unternehmen
teilweise mit Börsenanbindung getätigt. Die Gentechnik wird so noch als
Erfolgsprojekt vermarktet.

Bei all diesen nüchternen Beschreibungen bleiben die Autoren allerdings
nicht stehen. Sie formulieren eine Gentechnikkritik auf der Höhe der
aktuellen Diskurse, die ohne die alten Horrorszenarien auskommt. "Nicht
der Klon-Mensch, der demnächst im Labor wachsen wird, ist das Grauen,
sondern beispielsweise die leise Ausweitung des genetischen Screening.
Wer heute von Gentechnologie redet, muss auch von Kontrollphantasmen,
Überwachungsszenarien, Selbstregulierungsimperativ und Verwertungslogik
reden, lautet eine These der Autoren. Sie klingt plausibel. Schließlich
bezog auch die Anti-AKW-Bewegung ihre Stärke nicht aus der bloßen
Ablehnung einer Technologie sondern aus dem Kampf gegen die
gesellschaftlichen Hintergründe, die im "Atomstaat" zusammen gefasst
wurden. Der von dem Zukunftsforscher Robert Jungk geprägte Begriff war
in den 80er Jahren bald in aller Munde und zeugte von der Politisierung
einer Bewegung. Ob einmal genau so selbstverständlich von
Gentechnik-Staat geredet wird, muss sich noch zeigen. Das Buch gibt
zumindest Denkanstösse in diese Richtung.

Fabian Kröger, Christoph Schulz, Alexander von Schwerin, Uta Wagenmann
Angewandte Genetik. Gene zwischen Mythos und Kommerz. Berlin 2002
b_books-Verlag. ISBN: 3-933557-35-6. 9 Euro

Links

[1]
http://www.bioskop-forum.de
[2] http://www.bbooksz.de/
[3] http://www.txt.de/b_books/verlag/genetik/
[4] http://www.medgenetik.de/sonderdruck/2000-376b.PDF

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