TAZ vom 4.6.03Der Frühprotest der Weitgereisten
Kaum zurück vom G-8-Gipfel zogen gestern morgen Gloablisierungskritiker
durch das Regierungsviertel zur Schweizer Botschaft. Sie wollten auf Repressalien
in der Schweiz aufmerksam machen. Polizei kam erst nach 15 Minuten
Selbst demoerfahrene Berliner rieben sich die Augen, als am Dienstagmorgen
rund 60 mit Rücksäcken bepackte Menschen singend, trommelnd und Parolen rufend
vom Bahnhof Friedrichstraße Richtung Reichstag liefen. Schnell bildete sich
im Berufsverkehr ein Stau, den die Polittouristen ebenso souverän ignorierten
wie sämtliche Bannmeilenbestimmungen im Regierungsviertel. Auch für die
Polizei kam der Aufzug überraschend, sie traf erst nach 15 Minuten ein.

Die Demonstranen waren weit gereist. Per Sonderzug kamen sie aus der
Schweiz, von den dortigen Protesten gegen den G-8-Gipfel. Zurück in Berlin wollten
sie noch vor Dienstbeginn gegen die Repressalien protestieren, die
Globalisierungskritiker erlebten, und zogen zur Schweizer Botschaft. Zwar fand das
G-8-Treffen im französischen Evian statt. Doch die Protestierenden bewegten sich
überwiegend zwischen Genf und Lausanne auf Schweizer Territorium.

Über 500 der mehr als hunderttausend Globalisierungsgegner, die sich in
verschiedenen Camps auf die Aktionen vorbereiteten, kamen aus Berlin. Mehr als
300 von ihnen fuhren mit einem von Attac gecharterten Sonderzug nach Genf. Am
Dienstagmorgen kamen sie weitgehend unverletzt wieder in Berlin an.

"Es gab keine flächendeckende Repression wie noch vor zwei Jahren in Genua",
meinte denn ein Polittourist. Doch mehrere in den Medien nicht erwähnte
Vorfälle motivierten die Polittouristen zur frühmorgendlichen Spontandemo. So sei
ein Direct-Action-Aktivist bei einem Sturz schwer verletzt worden, als ein
Polizist das Seil durchschnitt, mit der er sich für eine Blockadeaktion von
einer Autobahnbrücke abseilen wollte.

Auch eine über 20-köpfige Gruppe polnischer Aktivisten, die von Berlin aus
mitreiste, berichtete von ständigen Repressionen in der Schweiz. Mehrmals
seien sie ohne Grund festgenommen und dabei mit antipolnischen Sprüchen bedacht
worden. Weil sie unbehelligt ihre Heimreise antreten wollten, hatte die Gruppe
allerdings auf Proteste in Berlin verzichtet und nur einen Trompeter zur
Morgendemo delegiert. " PETER NOWAK

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