Telepolis vom 17.3.03Taschenlampen für den Frieden

Peter Nowak

Das lange Warten auf den Krieg brachte einen Friedensaktivismus der
besonderen Sorte hervor

"Ungewöhnliche Maßnahmen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen", meinte
Mazen Chourbaji letzte Woche, bei einer Pressekonferenz in Berlin. Dort
wurden zwei dieser ungewöhnlichen Projekte vorgestellt. Ziel war es,
möglichst viele Menschen in kurzer Zeit per Flugzeug [1] und per Konvoi
(Babylon by Bus) in den Irak zu bringen. Dort sollten sie als
Schutzschilde Krankenhäuser, Schulen und Wohnviertel schützen ( Als
menschliches Schutzschild in Bagdad [2]).

Schon während der Pressekonferenz allerdings kam es zu
Unstimmigkeiten [3]. Selbst wohlmeinende Journalisten verließen
vorzeitig den Saal, weil die potentiellen Bagdad-Fahrer zwar wortreich
beteuerten, dass sie das Warten auf den Krieg psychisch nicht mehr
aushalten würden und mit ihrer Initiative ein Krieg verhindert werden
könne, wenn nur genügend Leute mitmachen. "Jeder Kilometer hilft."

Über die konkreten Tourvorbereitungen und ihre politischen Ziele konnte
man allerdings nur wenig erfahren. So war es nicht allzu verwunderlich,
dass die Babylonfahrer ihren Trip wenige Stunden vor Beginn erst einmal
absagten [4]. Es habe finanzielle Probleme gegeben, meinte ein
Organisator.

Das Projekt Babylon by Bus ist eines der Beispiele für den zur Zeit
grassierenden Friedensaktivismus. Das lange Warten auf den
angekündigten Krieg wird von Projektemacher aller Art kreativ genutzt.
Täglich gibt es neue Ideen, die über Internet gleich verbreitet werden.
So wird seit einigen Tagen per Mail Unterstützung für eine Petition an
den Papst gesammelt. Er soll als eine Art heiliges Schutzschild in den
Irak reisen, um einen Kriegsausbruch in letzter Minute zu verhindern.

Die TAZ hat mittlerweile eine Rubrik [5] eingerichtet, auf denen
täglich lustige und kuriose Ideen im Friedenskampf vorgestellt werden.
Doch nicht nur kreative Ich-AGs beteiligen sich in der letzten Zeit
Projektemacher in Sachen Weltfrieden. Auch im Kollektiv ist Aktivismus
Trumpf. So betätigten sich am Samstagabend über 100.000 Menschen in
Berlin als Kerzenhalter für den Frieden [6]. Schon im Anschluss an die
großen Antikriegsdemonstration am 15.2. wollte unter dem Motto
Taschenlampen für den Frieden [7] einige Aktivisten der Bundesregierung
kräftig leuchten, damit sie ja nicht vom Friedenspfad abkomme.

"Schrecklich grassiert der Friedenskitsch", ätzt der Satiriker Wiglaf
Droste [8]. Eines der stärksten Argumente gegen den Krieg ist für ihn,
dann von all den Friedensprojekten nichts mehr hören und sehen zu
müssen.

Links

[1] http://www.last-minute-to-bagdad.de
[2] http://www.heise.de/tp/deutsch/special/irak/14384/1.html
[3] http://germany.indymedia.org/2003/03/44047.shtml
[4] http://www.lastminute-to-Bagdad.com/Babylon_by_Bus_index.html
[5] http://www.taz.de/pt/2003/03/17/a0221.nf/text.ges,1
[6] http://www.taz.de/pt/2003/03/17/a0217.nf/text
[7] http://www.weisskunstbewegung.de/antikreigsdemos.htm
[8] http://www.jungewelt.de/2003/03-15/012.php

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