jungen Welt vom 11.04.2003Vier Mizrahim
Kino statt Fernsehen: Ein genauerer Blick auf Bagdad
Peter Nowak

Auf allen Fernsehkanaelen wird ueber den Irak geredet. Wie wenig dabei gesagt wird, bekommt mit, wer sich den kuerzlich in diversen Programmkinos angelaufenen Film "Forget Baghdad" ansieht. Erzaehlt werden die Geschichten von vier aelteren Herren. Shimon Ballas, Sami Michael, Moshe Houri und Samir Naqash waren irakische Juden und in ihrer Jugend aktive Kommunisten. Ihre politische Sozialisation bringt Sami Michael im Film auf folgenden Punkt: "Ich kam in Bagdad zur Welt, dessen juedische Gemeinde zu den aeltesten der juedischen Geschichte ueberhaupt gezaehlt wird. 1926 war das. So steckte ich waehrend Hitlers Machtuebernahme und des Aufstiegs Nazi-Deutschlands gerade in der Pubertaet. Genau diese beiden Faktoren - dass ich in der juedischen Gemeinde Bagdads gross wurde und den Antisemitismus der Nazis erleben musste - festigten mich in geistiger und sozialer Hinsicht, formten meine Lebensanschauung. Ich wuchs als Jude und als Iraker inmitten der arabischen Kultur auf, und auf einmal drang eine fremde Macht von ausserhalb des Iraks mit der Absicht, mich zu vernichten, in mein Leben ein. Diese Macht sah mich als schmutzig und minderwertig an. Als ich aelter wurde, suchte ich Mittel, um gegen diese nazistischbraune Welle anzukaempfen, die mich als Juden verunglimpfte und als Menschen vernichten wollte. So kam ich zur kommunistischen Bewegung."
Die Kommunistische Partei vereinigte zu jener Zeit Juden, Moslems, Christen und Atheisten in ihren Reihen. Die Maenner berichten, dass diese Zusammenarbeit im Irak bis zu den Pogromen im Jahre 1941 ueblich war. In diesem Jahr putschten hitlerfreundliche Generaele und machten den Antisemitismus auch im Irak hoffaehig. Noch nach Jahrzehnten ist bei den aelteren Herren das Entsetzen darueber zu spueren, dass sich irakische Nachbarn an diesen Pogromen beteiligten. Doch eine grosse Zahl nichtjuedischer Irakis hat den Verfolgten geholfen. Das nazifreundliche Regime wurde nach kurzer Zeit von den britischen Militaers vertrieben. Der Schock jener Pogromtage hat sicherlich zur Massenauswanderung irakischer Juden Ende der 40er Jahre nach Israel beigetragen. Die vier Zeitzeugen gehoerten dazu. Noch am Flughafen von Tel Aviv wurden sie mit dem Insektenbekaempfungsmittel DDT "desinfiziert". Von da an wurden sie wie andere arabische Juden unausgesetzt von der europaeisch gepraegten israelische Mehrheitsgesellschaft diskriminiert. Anfangs wehrten sich die irakischen Neubuerger noch mit Demonstrationen. Im Laufe der Jahre aber lebten sich die vier Maenner in Israel ein. Nur einer ist noch immer aktiver Kommunist, die uebrigen haben die Partei verlassen. Ueber die Gruende erfaehrt man nichts.
* "Forget Baghdad", CH/BRD 2002, Regie: Samir, 110 min, bereits angelaufen

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