TAZ-Berlin vom 20.5.03Mal für und mal gegen Castro
Gegner und Anhänger des kubanischen Staatschefs wollen heute auf die Straße
gehen. Solidaritätsinitiativen fragen sich, wer die hiesigen Castro-Kritiker
sein sollen
Wenn man die Berliner Protestkultur zum Gradmesser nimmt, könnte die
Karibikinsel Kuba in der nächsten Zeit stärker in den Brennpunkt des weltpolitischen
Interesses rücken. Am Dienstag wollen sowohl Anhänger als auch Gegner von
Staatschef Fidel Castro vor der kubanischen Vertretung in Prenzlauer Berg
Flagge zeigen.

Während linke Solidaritätsinitiativen, darunter das Netzwerk Cuba und die
PDS-nahe Cuba Sí, von 9 bis 14 Uhr eine Kundgebung vor dem kubanischen Konsulat
angemeldet haben, wollen die Castro-Gegner ab 10 Uhr vor dem kubanischen
Konsulat aufmarschieren. Die beiden Einrichtungen sind Teil eines
Häuserkomplexes und nur einen Straßenzug voneinander entfernt. Doch einen Zusammenstoß der
verfeindeten Gruppen wird nicht befürchtet. "Wir suchen die Konfrontation
jedenfalls nicht", betont ein Sprecher von Cuba Sí. Eine starke Mobilisierung
der Solidaritätsszene hält er während eines Arbeitstages nicht für
wahrscheinlich. Dass die jüngsten Verurteilung von Dissidenten und die Todesurteile gegen
drei Schiffsentführer die Solidarisierung behinderten, kann er für Berlin
nicht bestätigen.

Völlig unklar ist auch die Mobilisierungsfähigkeit der Castro-Gegner. "Es
gibt in Berlin keinen Ansprechpartner. Als Verantwortlicher wird ein Mann mit
New Yorker Adresse genannt", erklärt ein in Berlin lebender Kubaner. Bei Cuba
Sí wird darauf verwiesen, dass es in den letzten Wochen in mehreren
europäischen Hauptstädten, wie Paris und Madrid, ähnliche Demonstrationen gegeben hat.
Während dort allerdings seit Jahren eine Castro-gegnerische Strömung in der
kubanischen Gemeinde existierte, war von solchen Aktivitäten in Berlin bisher
nichts bekannt.

Viel mehr Sorgen macht den Solidaritätsgruppen die Kubapolitik der
US-Regierung. Schließlich hat George Bush weitere Verschärfungen gegenüber Kuba
angekündigt. Selbst eine Invasion wird bei Cuba Sí mit Verweis auf Statements von
Bush-Beratern nicht mehr ausgeschlossen. "Die Bedrohung für das sozialistische
Cuba war noch nie so groß wie heute", heißt es im Aufruf.

PETER NOWAK

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