jungen Welt vom 21.02.2003Berliner Festival "Musik und Politik"                                                                                                         : Mehr als Ostalgie und Liedermacher?
jW sprach mit Lutz Kirchenwitz, Organisator des 4. Festivals "Musik und Politik" in Berlin, das noch bis einschliesslich Sonntag laeuft
Interview: Peter Nowak

F: Was ist der diesjaehrige Schwerpunkt des Festivals?

Wie in jedem Jahr setzen wir auch 2003 einen historischen Schwerpunkt. Es geht um Musik und Politik der 70er und 80er Jahre in West- und Ostberlin. Dazu wird es eine Podiumsdiskussion, Filme, eine Ausstellung und natuerlich Musik geben.

F: Damals war Westberlin Zentrum der Hausbesetzer- und Punkbewegung. Gab es nicht gerade in diesem Zeitraum kaum Beruehrungspunkte zwischen Ost und West?

Beruehrungspunkte gab es schon, beispielsweise in der Lateinamerika-Solidaritaetsbewegung. Suedamerikanische Saenger und Bands traten damals haeufig sowohl in West- als auch in Ostberlin auf. Die Kontakte zwischen Ostberlin und der Hausbesetzerbewegung in Westberlin sowie der Szene um "Ton Steine Scherben" waren aber tatsaechlich wenig ausgepraegt. Das aenderte sich in den 80er Jahren, als beispielsweise Rio Reiser in Ostberlin auftrat.

F: Lange Zeit wurde Ihrem Festival Ostlastigkeit vorgeworfen. Muss man beim aktuellen Programm nicht umgekehrt konstatieren, dass Ostthemen in den Hintergrund getreten sind?

Der Vorwurf der Ostalgie begleitet uns seit Jahren und wird sicherlich auch diesmal wieder erhoben werden. Ohne unsere kulturellen Wurzeln zu kappen, bemuehen wir uns seit laengerem um eine Oeffnung nach Westen, angefangen bei den Veranstaltern und Organisatoren ueber die eingeladenen Kuenstler bis zum Publikum.

F: Warum wirkt das diesjaehrige Programm vergleichsweise abgespeckt?

Weil uns nahezu saemtliche Zuschuesse gekappt wurden. Im vergangenen Sommer stand zwischenzeitlich sogar das ganze Event in Frage. Wir haben uns fuer eine Sparvariante entschieden. So werden die Veranstaltungen nur in der Wabe, der Distel und im ZwiEt stattfinden.

F: Vergangene Woche wurde in Berlin die Initiative "Kuenstler fuer den Frieden" reaktiviert. Faellt es Ihrem Festival angesichts dessen nicht schwer, eigenes Profil zu zeigen?

Das Ziel unseres Festivals war immer die Foerderung politisch engagierter Kultur. Deshalb sehen wir mit Freude, dass wir jetzt nicht mehr einsame Rufer in der Wueste sind. Auch wenn das Thema Krieg und Frieden auf unserem Festival kein Schwerpunkt ist, wird es eine grosse Rolle spielen. Die eingeladenen Kuenstler werden sich in Gespraechsrunden und sicher auch waehrend der Konzerte dazu aeussern.

F: Politisch engagierte Kultur wird haeufig ausschliesslich mit Liedermachern und Gitarristen verbunden. Welchen Raum gibt das Festival juengerer Kultur?

Auf keinen Fall wollen wir ein reines Folk- und Liedermacherfestival sein. HipHop-Bands haben wir bereits in den vergangenen Jahren eingeladen. Beispielsweise spielte am Donnerstag die Hamburger Skaband Rantanplan. Fuer das naechste Jahr haben wir uns aber vorgenommen, noch mehr in dieser Richtung zu machen.

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