Telepolis-Artikel vom 13.3.03Ungeliebte Vergangenheit

Peter Nowak

Ein Firmenmanager will einen Artikel aus dem Internetarchiv entfernen
lassen, den er jahrelang nicht beanstandet hatte

Dr. Jost Berstermann ist sicherlich nicht medienscheu. Der Leiter der
Personalabteilung des Frankfurter Chemie- und Anlagebaukonzerns MG
Technologies AG ist sogar mit Foto [1] auf der Startseite des
Unternehmens zu sehen. Wer Geduld hat und die richtigen Suchbegriffe
zur Verfügung hat, kann über Jost Berstermann noch manche Details aus
seiner politischen Vita lesen, die der Manager heute nicht mehr mit
seinen Namen in Verbindung gebracht wissen will.

Dabei ist es nur ein kleiner Absatz in einem Artikel [2] über die
Aktivitäten Osnabrücker Burschenschaften, die sich mit Berstermann
befassen. Die Autoren vom Osnabrücker Stadtblatt [3] erwähnten
Berstermann als Festredner bei der 125- Jahr-Feier der schlagenden
Landsmannschaft Marchia Berlin in Osnabrück im Oktober 1997. In einigen
Sätzen wird der politische Background des Redners ausgeleuchtet.
Aktivitäten im NPD-nahen Unabhängigen Schülerbund werden dort ebenso
erwähnt, wie eine spätere Aktivität bei den Osnabrücker Republikaner
und politische Statements in der Zeitschrift Mut [4], die Ende der 70er
Jahre noch eindeutig zu den rechtsextremen Publikationen gezählt wurde.
Berstermann ging nie juristisch gegen diesen Artikel vor.

Doch jetzt hat er gegen das linke Webportal nadir [5], dass diesen
Artikel schon seit mehreren Jahren archiviert hat, auf Unterlassung
verklagt. Sein Anwalt erklärte, dass die Behauptungen in dem Artikel
unabhängig vom Wahrheitsgehalt die Persönlichkeitsrechte von
Berstermann verletzen.

Für nadir geht es bei dem Verfahren um die Existenz. Schließlich liegt
der Streitwert bei 20.000 Euro. Der Ausgang des Zivilverfahrens hat
allerdings auch darüber hinaus Bedeutung. Gerade nichtkommerzielle
Internetarchive, die den Zugang sonst kaum mehr erhältlichen
Informationen ermöglichen, konnten bisher darauf vertrauen, dass
Artikel, die juristisch nicht beanstandet wurden, auch im Internet
dokumentiert werden können.

Ob Berstermann allerdings mit seiner Klage gut beraten war, muss sich
noch zeigen. Zumindest sind die Zugriffe auf den bisher kaum beachteten
Artikel angestiegen. Zudem hat der Anwalt der Beklagten dem Gericht
Broschüren der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten
vorgelegt, um die Behauptungen der Stadtblattautoren zu belegen.

Links

[1] http://www.mg-technologies.com/mg/meta/content/kontakt_mg_k.htm
[2]
http://www.nadir.org/nadir/periodika/anarcho_randalia/br_4/saenger.htm
[3] http://www.stadtblatt-osnabrueck.de/
[4] http://www.mut-verlag.de/verlag/
[5] http://www.nadir.org/nadir/

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