jungen Welt vom 28.01.2003 Antiglobalisierungsbewegung gespalten?

Proteste gegen Weltwirtschaftsforum: Antiglobalisierungsbewegung gespalten?
jW sprach mit Walter Angst, Aktivist im Oltner Buendnis, das die Proteste gegen das Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos organisiert hat
Interview: Peter Nowak, Zuerich

F: Statt der angekuendigten groessten Demonstration gegen das Weltwirtschaftsforum (WEF) fanden sich am Samstag Tausende Demonstranten im zwoelf Kilometer entfernten Landquart im Polizeikessel wieder. War das eine Niederlage fuer die Bewegung?

Die Schweizer Behoerden haben alles versucht, um die Bewegung zu spalten. Doch dieses Kalkuel ist nicht aufgegangen. Es gab dieses Jahr eine sehr grosse Mobilisierung gegen das WEF. Rund 6000 Menschen hatten sich auf den Weg gemacht und sassen groesstenteils in Landquart und Fideris fest. Rund 90 Prozent der Teilnehmer unterstuetzten die Haltung des Oltner Buendnisses, die Kontrollschleusen der Polizei, in denen die Demonstranten einzeln durchsucht werden sollten, nicht zu akzeptieren.

F: Dieses Vorgehen wurde unter anderem von der Schweizer Sozialdemokratischen Partei (SP) scharf kritisiert. Hat die Spaltung nicht schon laengst begonnen?

Die SP war nie Teil der Antiglobalisierungsbewegung. Sie vertritt neoliberale Positionen und unterstuetzt unter bestimmten Bedingungen einen Krieg gegen den Irak. Die SP hat sich in diesem Jahr eindeutig zur Brechstange des Staates gegen das Oltner Buendnis gemacht. Haette die Partei nicht interveniert, waeren die Kontrollen nicht durchgesetzt worden. Insofern handelt es sich hier nicht um eine Spaltung, sondern um eine Klaerung der Fronten. Anders verhaelt es sich mit den Gruenen und der theologischen Bewegung, die schon im Vorfeld im Buendnis auf ein klares Bekenntnis zur Gewaltfreiheit und einen Alternativvorschlag fuer die Kontrollen draengten. Die Mehrheit im Buendnis hatte dazu andere Positionen. Diese Auseinandersetzung wird nun zum Thema in den Medien. Jetzt das Buendnis von links aufzukuendigen, waere voellig falsch. Das wuerde nur in die Isolation fuehren. Ein Zusammenschluss von Globalisierungsgegnern und kaempferischen Gewerkschaftern wie in Italien ist auch in der Schweiz moeglich.

F: Werden sich die Gewerkschaften nicht unter dem Druck der Medien distanzieren?

Ich denke nicht, dass die Gewerkschaften auf die Linie der SP einschwenken werden. Schliesslich haben sie in Fideris mit ihren Bussen eine Blockade gegen die Polizeikontrollen unternommen und den Kompromiss ausgehandelt, nachdem es nur Gesichtskontrollen in den Zuegen geben sollte. Als dieser Kompromiss zehn Minuten spaeter von der Polizeifuehrung kurzerhand gekippt wurde, waren die Gewerkschafter besonders sauer.

F: Wie geht es mit den Protesten gegen die neoliberale Globalisierung weiter?

Davos war vor allem ein Vorspiel fuer den G-8-Gipfel, der Ende Mai im franzoesischen Evian stattfindet. Schon jetzt werden in den Medien Buergerkriegsszenarien heraufbeschworen. In der Schweiz wird sich die Mobilisierung auf den franzoesischsprachigen Teil konzentrieren. Dort gibt es eine wesentlich kaempferischere Linke als in der deutschsprachigen Schweiz. Die Chance fuer ein kaempferisches Buendnis nach italienischem Vorbild ist nach den Erfahrungen vom Wochenende gewachsen.

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