|
Neues Deutschland vom 28.02.03 Das irakische Volk - vergessen
Von Peter Nowak
Es wird derzeit viel über die Motive Bushs und Saddam Husseins debattiert, vergessen wird in der Regel das irakische Volk. Die Karlsruher Rechtsanwältin Brigitte Kiechle nimmt sich dessen Sorgen und Probleme an, betrachtet aus dessen Blickwinkel den Konflikt. Ihr Befund ist eindeutig: »Eine Zusammenarbeit mit dem Imperialismus wird von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt. Eine Rechtfertigung für eine entsprechende Zusammenarbeit wird auch dann nicht gesehen, wenn es >nur< um einen Regimewechsel geht.« Das Hauptaugenmerk der Autorin gilt den unterschiedlichen Strömungen der irakischen Opposition. Die Kommunisten waren einst eine starke Kraft im Lande, doch politische Fehler, u.a. die Zusammenarbeit mit dem Baath-Regime in den 70er Jahren, haben ihnen schwer geschadet. Dennoch genießen sie noch immer ein gewisses Ansehen in großen Teilen der irakischen Bevölkerung. Scharf ins Gericht geht Kiechle sowohl mit der »US-tauglichen Opposition«, die nach ihrer Erfahrung keinerlei Rückhalt in der irakischen Bevölkerung habe, sowie mit der islamistischen Bewegung. Brigitte Kiechle macht die Stellung der Frau zum Gradmesser einer Demokratisierung der Gesellschaft. Zwar hatte das säkulare Baath-Regime verbal Emanzipation postuliert, aber in den letzten Jahren eine stärkere Hinwendung zum Islam aus taktischen Gründen vollzogen, was die Stellung der Frauen enorm verschlechterte. Und schlimmer noch. Im Oktober 2000 sind hunderte Frauen der Prostitution beschuldigt und hingerichtet worden, darunter auch bekannte Oppositionelle. Nicht viel besser steht es um die Situation der Frauen in dem von den kurdischen Organisationen KDP und PUK kontrollierten Nordirak. Im Juli 2000 wurden ein unabhängiges Frauenhaus und das Büro der Unabhängigen Frauenorganisation durch die PUK zerstört; bei diesem Überfall waren auch zahlreiche Tote zu beklagen. In den hiesigen Medien ist über solche Vorkommnisse kaum etwas zu erfahren. Die Autorin lehnt kompromisslos jeden Krieg ab und fordert konkret die Aufhebung des Embargos, das nur die irakische Bevölkerung trifft. Entschieden widerspricht die engagierte Anwältin, die schon viele irakische Flüchtlinge verteidigt hat, auch jeder Rechtfertigung des Regimes in Bagdad. Ihr Buch ist ein zutiefst ehrliches. |