Telepolis15.10.03Mobbing wegen missliebiger Internetseite

Peter Nowak
"Extremistische Einstellung" - Die Dresdner Bank will einem
Informatiker kündigen, weil der sich auf einer privaten Homepage mit
Modellen zur Kürzung der Arbeitszeit beschäftigt hat
Unter dem Pseudonym Darwin Dante wurde Anfang der 90er Jahre in dem
kleinen libertären Manneck Mainhatten-Verlag ein Büchlein unter den
Titel 5 - Stunden sind genug [1] veröffentlicht. Der Autor wirbt dort
für ein Modell der radikalen Arbeitszeitverkürzung.
Seine sicher umstrittenen und auch im Internet kontrovers
diskutierten [2] Thesen [3] lauten: "Unter güterwirtschaftlichen
Gesichtspunkten sind von der heute geleisteten Lohnarbeit nur 5 Stunden
pro Woche tatsächlich sinnvoll". Der heute übliche Lebensstandard könne
dennoch aufrechterhalten werden. Das sei durch die Herstellung
langlebiger Gebrauchsgüter, den Wegfall überflüssiger
Verwaltungsarbeiten sowie die Ausnutzung von
Vollautomatisierungstechnologien in Produktion und Verteilung zu
erreichen. Dante nutzte seit Jahren auch das Internet, um seine
Vorstellungen bekannt zu machen [4].
Das könnte jetzt dazu führen, dass dem Autor eine auch für ihn selber
zu radikale Arbeitszeitverkürzung droht. Er muss um seinen Job
kämpfen [5]. Seit zwei Jahren war Dante, der seinen bürgerlichen Namen
nicht bekannt geben will, bei der Dresdner Bank [6] als
Anwendungsinformatiker beschäftigt. An seiner Arbeit gab es keine
Kritik. Doch seit mehreren Wochen darf Dante seiner Beschäftigung nicht
mehr nachgehen. Während seiner krankheitsbedingten Abwesenheit wurde
nämlich Dantes Internetseite entdeckt. In mehreren Gesprächen wurde ihm
danach deutlich gemacht, dass das Vertrauen des Arbeitgebers schwer
beschädigt seien. Ganz offen wurde ihm gesagt, man wolle ihn wegen
seiner auf der Internetseite ausgedrückten politischen Meinung
loswerden. Er passe nicht in das Unternehmen. Man werde das auch auf
dem Wege einer leistungsbedingten Kündigung erreichen. Dante wurde an
einen Einzelarbeitsplatz weit weg von seinen Kollegen versetzt. Der
Zugang zum Internet und zum firmeneigenen Intranet wurde ihm
verweigert. Außerdem musste er sich beim Betreten und Verlassen des
Bankgebäudes bei seinen Vorgesetzten oder dessen Stellvertreter an- und
abmelden.
Schließlich wurde Dante vom Management vor die Alternative gestellt,
selber zu kündigen oder nach sieben Abmahnungen entlassen zu werden.
Danach werde er ganz sicher nie wieder eine Anstellung als im
Computerbereich bekommen, wurde ihm gedroht. Detailliert wurde ihm der
Mobbingplan angekündigt. Er werde Arbeitsaufträge mit einem
entsprechenden Zeitlimit erhalten. Bei jeder Nichterfüllung erhalte er
eine Abmahnung. Tatsächlich habe er seitdem nur noch Aufträge erhalten,
die in Umfang und Arbeitsaufwand von einer Person allein gar nicht zu
schaffen seien, meint Dante. Auch eine angemessene Einarbeitszeit in
sein neues Aufgabengebiet sei ihm verweigert worden.
Trotz dieses zunehmenden Drucks lehnte er eine freiwillige Kündigung
mit der Begründung ab, dass er nichts getan habe, was eine solche
Handlungsweise seines Arbeitgebers auch nur im Entferntesten
rechtfertigen würde. Mit gewerkschaftlicher Unterstützung will er
weiter um seinen Arbeitsplatz kämpfen. Ein Gütetermin ist bisher
ergebnislos zu Ende gegangen. Mittlerweile hat die Dresdner Bank ganz
offen die Homepage als Grund für den Entlassungswunsch genannt. In
einem Schreiben heißt es, dass dort "Inhalte mit extremistischer
Einstellung" veröffentlicht würden.

Links

[1] http://www.5-stunden-woche.de/neue_seite_30.htm
[2] http://www.philtalk.de/msg/1003146616-150.htm
[3] http://www.akratie.de/5_stunden:Woche/index.htm
[4] http://a-v-o.bei.t-online.de/mirror_5_stunden_woche/band1.pdf
[5] http://www.5-stunden-woche.de/index.htm
[6] http://www.dresdner-bank.de

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