TAZ vom 7.2.2003Café Verdinale
Nicht nur Glanz und Glamour in der Filmbranche: Der Markt liegt darnieder,
Tarife werden gebrochen, warnen die Gewerkschaften auf der Berlinale
von PETER NOWAK
Berlinale in Berlin: Bei den Internationalen Filmfestspielen tummeln sich
die Schönen und die Reichen. Wer will da schon über Löhne, Tarife oder seine
Versorgung im Alter reden? Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, die Verbände
der Filmschaffenden und das spezielle gewerkschaftliche Serviceangebot für
Filmschaffende Connexx.av, sie wollen.

Darum eröffneten gestern die drei Organisationen im Zentrum des
Filmfestivals, am Potsdamer Platz in Berlin, das Café Verdinale. "Wir wollen
Interessierten aus der Film- und Medienbranche Gelegenheit geben, über berufliche Fragen
sowie die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen zu diskutieren", sagte Heinrich
Bleicher-Nagelsmann, bei Ver.di für die Filmbranche zuständig. So ging es
gestern bereits um die Änderungen im Urheberrecht. Denn deren Auswirkungen für
die Filmbranche sind beispielsweise den meisten Drehbuchautoren noch
weitgehend unbekannt. Bis zum 16. Februar wird dann vor allem über die
sozialrechtliche Situation der Filmschaffenden diskutiert. Dazu gehören etwa die
Arbeitsverträge eines Kameramanns oder die Altersrente von Schauspielern.

Immer steht dahinter eines: Verdeutlicht werden soll, dass die
Arbeitsbedingungen in der Filmbranche keineswegs ideal sind. "Der darniederliegende Markt
mit Preisdumping, Tarifbruch, Missbrauch von Filmförderungen, Unklarheiten
bei den Verwertungsrechten heizen die Gemüter an", beschreibt beispielsweise
die Connexx.av die Stimmung in der Filmbranche.

Eine Umfrage der Gewerkschaften ist alarmierend: Die Hälfte aller Befragten
gab an, dass sie sich durch die Arbeitsbedingungen gesundheitlich stark
belastet fühlen und ihr Privatleben stark beeinträchtigt wird. Der
Altersdurchschnitt in der Branche liegt bei 36 Jahren. Und die Einkommenssituation ist dort
alles andere als rosig, wenn man nicht Richard Gere oder Tom Hanks heißt.
Weniger bekannte Künstler müssen sich im gnadenlosen Konkurrenzkampf behaupten,
nehmen in Kauf, dass sie keinen Anspruch auf Urlaub oder Ruhegeld haben.
Feste Verträge gibt es kaum, gearbeitet wird auf Honorarbasis.

Gerade in den Bereichen, die mit dem Aufblühen der "neuen Ökonomie" einen
enormen Wachstumsschub erfahren hatten, war der gewerkschaftliche
Organisationsgrad lange Zeit besonders gering. Dort war die Vorstellung weit verbreitet,
dass man ganz auf sich alleine gestellt schon am besten durchkommen werde.

"Das Interesse an gewerkschaftlicher Organisierung ist jetzt gewachsen, auch
wenn keine Masseneintritte aus dieser Branche zu verzeichnen sind", so
Bleicher-Nagelsmannn gestern. Tatsächlich gehört die Fachgruppe Rundfunk, Film,
AV-Medien bei Ver.di mit ihren 25.000 Mitgliedern nicht gerade zu den
Branchenriesen. Projekte wie das Café Verdinale aber zeigen, dass der Bedarf da ist,
eine Debatte über Arbeitsbedingungen in der Filmbranche zu führen, eben auch
auf der Berlinale.

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