jungen Welt vom 04.07.2003 Buecherverbrennungen vor 70 Jahren

Buecherverbrennungen vor 70 Jahren: Vor allem ein Werk der Studenten?
jW sprach mit Gerd Kraus. Er ist Referent fuer Antifaschismus und politische Bildung beim Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften (fzs)
Interview: Peter Nowak
F: Im Mai und Juni 1933 brannten in ganz Deutschland Buecher auf Scheiterhaufen. Der fzs nimmt die 70. Wiederkehr dieser von den Nazis organisierten Buecherverbrennungen zum Anlass fuer eine Tagung, die am heutigen Freitag in Frankfurt am Main beginnt. Was ist geplant?
Im Vordergrund unserer Tagung steht die Rolle der Buecherverbrennungen auf dem Weg in den Holocaust. Mit "undeutschem Geist", den die Verbrennungen bekaempfen sollten, wurden sowohl die Werke von den Nazis politisch Unliebsamen sowie von juedischen Autorinnen und Autoren bezeichnet. Im Zusammenhang mit den Buecherverbrennungen wurde die Forderung aufgestellt, die Werke juedischer Autoren zu kennzeichnen und mit dem Statement zu versehen: "Wenn der Jude deutsch schreibt, luegt er." Zeitgleich begannen die Vertreibungen juedischer Studierender und Wissenschaftler aus den Hochschulen sowie generell die Zerstoerung der buergerlichen Existenz von Juden durch allerlei Berufsverbote. Die Bereitschaft zur Vernichtung drueckt sich bereits in der Aktionsform aus. Wer Buecher verbrennt, verbrennt auch Menschen - hatte schon viele Jahrzehnte zuvor Heinrich Heine geschrieben.

F: In der Veranstaltungsankuendigung heisst es, dass die Buecherverbrennung primaer eine Tat der Studentenschaften war.
Ja, wir sind bei unseren Nachforschungen zu dem Schluss gekommen, dass die Studierendenvertretungen die treibende Kraft bei den Buecherverbrennungen waren. Der damalige Dachverband der Studierendenschaften, die Deutsche Studentenschaft, hat einen Kampagnenplan zur "Saeuberung" der Leihbibliotheken entworfen und ihn in Zusammenarbeit mit den lokalen Allgemeinen Studentenausschuessen umgesetzt.

F: Ist der Eindruck richtig, dass sich selbst die Studentenbewegung in der alten BRD mit der Rolle der Studierenden waehrend der Nazizeit nicht vorrangig beschaeftigten?
Zumindest draengt sich uns dieser Eindruck im Moment auf. Die Frage wird sicherlich auch auf der Tagung im Raum stehen, und nach der Tagung werden wir ueberlegen muessen, ob wir uns ihr weiter widmen.

F: Welche Folgerungen wird die Konferenz fuer die praktische Politik des fzs und linker Studierender heute haben?
Zunaechst einmal muss den in den ASten, Fachschaften und akademischen Gremien aktiven Studenten die Nazivergangenheit der Verfassten Studierendenschaft bewusst werden. Als Schlussfolgerung laesst sich vielleicht ziehen, dass die Studierendenschaft nur dann eine Existenzberechtigung hat, wenn sie sich als Vertretung aller Studierenden begreift und aus diesem Anspruch heraus ihre von rassistischer und antisemitischer Diskriminierung und Verfolgung betroffenen Kollegen unterstuetzt. Der Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus muss natuerlich auch ausserhalb der Universitaet gefuehrt werden und darf nicht auf spezialisierte Referate beschraenkt bleiben.

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