Telepolis09.09.2003Dezentrale Aktionen gegen WTO-Treffen

Peter Nowak
 
Gleich mit zwei Aktionstagen wollen die Globalisierungskritiker Cancun
entgleisen lassen - Heute ist weltweiter "Blockade-Tag"
Der Globalisierungskritik wird immer wieder der Vorwurf gemacht, dass
sie in erster Linie Eventhopping betreibe [1]. Sie sei zwar
medienwirksam bei internationalen Konferenzen und Gipfeltreffen mit
ihren Protesten präsent, aber oft nicht regional verankert.
Jetzt wird sich zeigen, wie berechtigt diese Kritik war. Denn zum
WTO-Treffen in Cancun will die Protestbewegung schwerpunktmäßig auf
dezentrale Aktionen setzen. Das hat natürlich in erster Linie ganz
pragmatische Gründe. Einen Flug in den mondänen mexikanischen Badeort
Cancun können sich höchstens die "Protest-Elite" genannten
hauptamtlichen Vertreter von Nichtregierungsorganisationen (NGOs)
leisten. Für die Mehrheit der Protestierer ist er aber schlicht
unerschwinglich.
Zur Zeit kursieren im Internet Hintergrundtexte, die die bisher
weitgehend unbekannte Materie der WTO-Konferenz erläutern sollen [2].
Wie immer bei dezentralen Aktionen liegt die Stärke hier eher in der
Vielfalt. Dafür sind die Aktionen oft nicht so spektakulär. Zwei
Höhepunkte: der weltweite Blockade-Tag am heutigen Dienstag und der
Aktionstag am 13.9.
Heute sollen weltweit Blockaden von Flughäfen und Straßen stattfinden,
um symbolisch oder tatsächlich das Abfliegen der Delegierten zur
Ministerkonferenz in Cancun zu be- bzw. verhindern [3]. In Berlin will
ein kleines Aktionsbündnis an diesem Tag "eine kleine, entschiedene
Demo-Party" nach dem Vorbild von Reclaim-the-Streets-Partys [4]
veranstalten und symbolisch wichtige Plätze in Berlin blockieren. In
Frage kommen dafür das Wirtschafts-Ministerium, der Bund deutscher
Industrie, der Potsdamer Platz..
Ziel dieser Reclaim-the-Planet-Party soll es nach dem Willen der
Veranstalter sein, den kapitalistischen Alltag zu stören.
Wir müssen verhindern, dass MinisterInnen und BürokratInnen nach Cancun
aufbrechen, um dort über Agrarabkommen, GATS, TRIPs und die Ausweitung
der Macht der WTO durch die "neuen Themen" verhandeln und dabei so tun,
als wäre das das Normalste auf der Welt. Das ist es nicht - und das
wollen wir lautstark und entschlossen zeigen
Ankündigungstext [5]
Allen ist natürlich klar, dass damit das WTO-Treffen real nicht
verhindert werden kann. Deshalb sind für den 13. September weltweit
Aktionen gegen den Event selber geplant. Die Spannbreite der geplanten
Aktionen ist breit [6]. Neben Attac will dort auch das unabhängige
Netzwerk Peoples Global Action [7] eigene Akzente setzten. Es hat im
Gegensatz zu Attac schon immer verstärkt auf direkte Aktionen gesetzt
und lehnt feste Strukturen ab.
In zahlreichen Städten haben sich Gruppen zusammengefunden, die die
Aktionen im Zusammenhang mit Cancun planen. Auch aus kleineren Orten,
in denen es bisher kaum Aktivitäten der Globalisierungskritiker gegeben
hat, werden schon Aktivitäten gemeldet. So sprechen Beobachter schon
von einem neuen Aufbruch der Antiglobalisierungsbewegung durch Cancun.
Noch muss sich allerdings erweisen, ob es sich um mehr als um neues
Strohfeuer handelt. Schließlich war die anfangs zitierte Kritik am
Eventhopping nicht nur auf den Ort sondern auch auf die Inhalte der
Proteste bezogen. Gerade die aktuelle Vorbereitung aber zeigt, dass
noch immer internationale Kongresse, wie eben jetzt die WTO-Konferenz,
die Widerstandsagenda bestimmen.

Links

[1] http://www.attac.de/kongress/workshop_66.html
[2]
http://www.boell.de/index.html?http://www.boell.de/de/04_thema/2068.html
[3] http://www.projektwerkstatt.de/termin.html
[4] http://homepage.ruhr-uni-bochum.de/Rolf.vanRaden/reclaim.htm
[5] http://www.labournet.de/termine
[6] http://www.attac.de/cancun/aktionsideen.php
[7] http://www.nadir.org/nadir/initiativ/agp/
free/cancun/cancunflyer.pdf

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