jungen Welt vom 19.03.2003"Nur" Terror oder Attentat?
Hintergrund der Schuesse auf Lehrer in Kassel noch unklar. Rechter Anschlag wahrscheinlich
Peter Nowak

Auch vier Wochen nach einem Mordanschlag auf einen 48jaehrigen Geschichtslehrer aus Kassel ist noch nicht endgueltig geklaert, wer hinter der Tat steckte. Fest steht nur eins: Am Morgen des 20. Februar war der Paedagoge nur knapp dem Tod entronnen. Als er kurz vor sechs Uhr das Fruehstueck zubereitete, gab es ploetzlich einen exposionsartigen Knall. Unmittelbar darauf entdeckte er ein Projektil, das mit grosser Wucht durch Scheibe und Kunststoffrollo des Kuechenfensters geflogen war. Das Metallstueck, etwa so gross wie ein kleines Bonbon, war in ein Wandregal eingeschlagen. Es hatte den Kopf des Lehrers nur um wenige Zentimeter verfehlt.

Die Polizei ermittelt nach eigenen Angaben weiterhin in alle Richtungen. Vermutungen, dass die Taeter aus dem rechten Milieu komme, wuerden dabei sehr ernst genommen. Diesen Verdacht aeusserte der Lehrer selbst in einer Regionalzeitung: "Ich habe den starken Verdacht, dass es eine politisch motivierte Tat ist." Er glaube zwar nicht, dass es ein Mordanschlag sein sollte. "Aber es sollte mir Angst einjagen", so der 48jaehrige, der sich seit vielen Jahren in Initiativen gegen Rechtsextremismus und neonazistische Gewalt engagiert. Die Polizei geht ebenfalls nicht von einem vorsaetzlichen Toetungsdelikt aus, da zur Zeit des Schusses die Jalousie vor dem Kuechenfenster heruntergelassen war.

Auch die Autonome Antifa Kassel (aak) geht von einem Anschlag Rechter auf den Lehrer aus und weist auf verstaerkte Aktivitaeten von Neonazis in Kassel und Umgebung hin. So haetten erst kuerzlich junge NPD-Anhaenger bei einer Kundgebung gegen den Irak-Krieg vermeintliche Linke gezielt fotografiert, heisst es in einer Erklaerung der aak. Vorfaelle dieser Art, aber auch militante "Anti-Antifa"-Einschuechterungsaktionen habe es schon Jahre zuvor in Kassel gegeben. Die Antifaschisten forderten unter anderem am 7. Maerz auf einer Demonstration in Kassel die Offenlegung aller Ermittlungsergebnisse. Ein Sprecher der aak befuerchtet, dass der Anschlag ohne oeffentlichen Druck als unaufgeklaerte Tat zu den Akten gelegt werden koennte.

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003]