jungen Welt vom 07.01.2003 Parteinahme fuer das irakische Regime?

Antikriegsaktivisten gegen US-Aggressor: Parteinahme fuer das irakische Regime?
Willi Langthaler war Leiter einer Solidaritaetsdelegation in den Irak und ist Mitglied in der Antiimperialistischen Koordination in Oesterreich (www.antiimperialista.org). jW sprach mit ihm
Interview: Peter Nowak

F: Was war das Ziel Ihrer mehrtaegigen Delegationsreise in den Irak in der vergangenen Woche?

Hauptziel war es, eine Verbindung zwischen dem Widerstand der irakischen Bevoelkerung und den Antikriegsprotesten in Europa herzustellen. Je laenger der irakische Widerstand anhaelt, desto staerker wird die Antikriegsbewegung in den europaeischen Laendern. Hoehepunkt unserer Aktionen war eine Demonstration von zirka 200 Menschen aus zehn Laendern gegen Krieg und das UN-Sanktionsregime vor dem UN-Hauptquartier in Bagdad. Vor Ort haben wir eine Petition ueberreicht mit der Forderung an die UNO, der US-Aggression keinerlei politische Legitimation zu verleihen.

F: Wie steht es um die Bereitschaft zum Widerstand innerhalb der Bevoelkerung?

Es war allenthalben eine weitverbreitete antiimperialistische Stimmung spuerbar. Die Armut und miserable soziale Situation grosser Teile der Bevoelkerung werden mehrheitlich dem Embargo und nicht der Regierungspolitik zugerechnet.

F: Waehrend der Kundgebung war keinerlei Kritik am irakischen Regime vernehmbar. Drohen Sie sich nicht von Saddam Hussein vereinnahmen zu lassen?

Wir sind gegen einen US-Krieg, und wir stehen auch ganz eindeutig auf der Seite der irakischen Bevoelkerung. Das hat fuer uns zur Konsequenz, jeglichen Widerstand zu unterstuetzen, und ein wesentlicher Faktor dabei ist nun einmal die irakische Armee. Diesen zu ignorieren, hiesse realpolitisch, sich neutral zu verhalten, was wiederum hiesse, auf der Seite der Staerkeren zu stehen.

F: Aber hat nicht die irakische Armee oft genug die eigene Bevoelkerung unterdrueckt?

Natuerlich. Deshalb gilt fuer uns, dass wir den Baathismus in anderen Fragen, beispielsweise in der Innenpolitik, nicht unterstuetzen. Im Gegenteil. Die verheerende Politik des irakischen Regimes in der Vergangenheit - insbesondere der reaktionaere Krieg gegen den Iran sowie die Unterdrueckung der frueher sehr aktiven und gut organisierten Unterklassen - lassen uns stark daran zweifeln, dass dieses erfolgreichen Widerstand gegen eine US-Aggression mobilisieren kann. Da die grosse Ungleichheit der Kraefte dem Irak aber militaerisch kaum eine Chance laesst, muesste die Bevoelkerung in die Verteidigung einbezogen werden.

F: Koennen die schwachen antiimperialistischen Kraefte in Europa die irakische Bevoelkerung real ueberhaupt unterstuetzen?

Ja. Eine internationale Mobilisierung kann wesentlich zur Schwaechung des Aggressors beitragen. Das hat nicht zuletzt der Vietnamkrieg bewiesen. Es muss darum gehen, den Widerstand der Bevoelkerung in den arabischen Laendern mit der Antikriegsarbeit in den westlichen Laendern zu verbinden.

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