jungen Welt vom 05.05.2003 Radikale Gewerkschaften aufbauen?
Anarchosyndikalismus in Deutschland: Radikale Gewerkschaften aufbauen?
Milena Stange ist Mitglied der anarchosyndikalistischen Freien ArbeiterInnenunion (FAU) in Berlin
Interview: Peter Nowak

F: Nach ueber 70 Jahren hat die FAU in Berlin wieder ein Buero eroeffnet. Gibt es nicht genuegend linke Raeume?
Linke Raeume kann es eigentlich nicht genug geben. Ausserdem gab es bisher keinen Ort fuer eine kaempferische gewerkschaftliche Alternative in Berlin. Da der "Klassenkampf von oben" immer schaerfer wird, ist es dafuer hoechste Zeit. In Laendern wie Frankreich, Spanien oder Italien haben radikale Gewerkschaften - anarchosyndikalistische und andere Basisgewerkschaften - wieder an Bedeutung gewonnen. Sei es in betrieblichen Auseinandersetzungen oder etwa bei den juengsten Streiks gegen den Irak-Krieg. Wir sehen keinen Grund, warum sich in Berlin nicht auch so etwas aufbauen lassen sollte.
F: Der Anarchosyndikalismus spielt heute keine grosse Rolle in Deutschland.
Sicherlich hatte der Anarchosyndikalismus in Deutschland nie so grosse Bedeutung wie z.B. in Spanien mit der CNT (Nationaler Arbeiterkongress). Trotzdem waren in den 20er Jahren mehr als 150000 Arbeiter und Arbeiterinnen in der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) organisiert. Regional konnte die FAUD eine wichtige Rolle spielen. Zum Beispiel bestand die Rote Ruhr-Armee, die 1920 den Kapp-Putsch mit niedergeschlagen hat, nach heutigen Schaetzungen zu 45 Prozent aus Mitgliedern der FAUD. Die FAUD stand fuer eine autonome, selbstorganisierte Gewerkschaftsbewegung, die den Satz, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiter selbst sein muesse, woertlich nahm. Sie organisierte sich von unten nach oben, lehnte politische Eliten und grosse Funktionaersapparate ab und setzte auf die direkte Aktion. Die Hoffnung war es, durch einen sozialen Generalstreik den Kapitalismus und den Staat abzuschaffen und die Gesellschaft auf der Basis einer gewerkschaftlichen Selbstverwaltung neu zu organisieren.
1933 rief die FAUD vergeblich zum Generalstreik gegen die Machtergreifung der Nationalsozialisten auf. Am 9. Maerz 1933 wurden die Berliner Raeume der FAUD von der Gestapo gestuermt. Viele Mitglieder gingen in den Widerstand und versuchten, die Organisation illegal am Leben zu halten. Aber der Gestapo gelang es 1937, das Netzwerk auffliegen zu lassen. Viele kamen in Konzentrationslager, einige gingen ins Ausland und schlossen sich z.B. den antifaschistischen Milizen in Spanien an, um dort gegen Franco zu kaempfen. Vereinzelt ging der Widerstand gegen Hitler weiter, aber dennoch war es das vorlaeufige Ende der anarchosyndikalistischen Bewegung in Deutschland.

F: Wofuer ist das neue Buero gedacht?
In erster Linie ist das Lokal der Versammlungsort fuer die Syndikate, also die Branchengruppen der FAU. Zur Zeit gibt es in Berlin ein Syndikat fuer den Bildungsbereich, eines fuer den Kultur- und Medienbereich und eines fuer die restlichen Berufe. Ausserdem wird es im Lokal politische und kulturelle Veranstaltungen und Seminare geben. Im Mai haben wir jeden Freitag eine Veranstaltung.

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003]